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Gentechnologie:

Wissenschaftliche Grundlagen, Anwendungsmöglichkeiten und der Versuch einer Einordnung von Chancen und Risiken

K.F. Fischbach

Institut für Biologie III der Universität, Schänzlestr.1, 79104 Freiburg i. Brsg.

Zusammenfassung

Gentechnologie beschreibt die Summe aller Methoden, die sich mit der Isolierung, Charakterisierung, Vermehrung und Neukombination von Genen auch über Artgrenzen hinweg beschäftigen. Ihre wichtigste Grundlage ist die Universalität des genetischen Codes, d.h. alle Organismen verwenden die gleiche genetische Sprache. Entgegen der landläufigen Ansicht wird auch in der Natur genetische Information zwischen verschiedenen Arten ausgetauscht. Die Gentechnologen benützen diese Prädisposition der Natur bei ihrer Arbeit.

Bei der Frage nach der Verantwortbarkeit der Gentechnologie dürfen die Chancen und Risiken ihrer Anwendungen nicht pauschal (ideologisch), sondern nur einzeln und projektgebunden abgewogen werden. Auch die Unterlassung einer Anwendung kann ein sträflicher Irrtum sein.

Neben den erwarteten positiven Einflüssen auf Umwelttechnik und Medizin kommt dem durch die Gentechnologie möglichen Produktivitätsschub im Bereich von Landwirtschaft und Ernährung größte Bedeutung zu. Die global gesehen katastrophale Bevölkerungsexplosion bedeutet, daß bei dem Verzicht auf Produktionssteigerungen selbst bei gerechter Verteilung aller Lebensmittel die landwirtschaftliche Nutzfläche der Erde bald nicht mehr ausreicht, um alle Menschen zu ernähren. Die "Zurück zur Natur"-Forderung, würde sie denn global befolgt, würde der Mehrheit der Menschheit in Zukunft mit Sicherheit die Lebensgrundlage entziehen. Dieser realen Bedrohung gegenüber sind die rein hypothetischen Risiken der Gentechnik in Kauf zu nehmen. Eventueller Mißbrauch muß durch die Gesetzgebung eingedämmt werden. Den irrationalen Ängsten ist mit Aufklärung und Information zu begegnen. Trotz aller Hoffnungen, kann die Gentechnik jedoch allein - ohne zusätzliche Maßnahmen zur Stabilisierung des ökologischen Gleichgewichts auf dieser Erde - die Zukunft des Menschen nicht sichern.

Einleitung

Gentechnologie ermöglicht die gezielte Veränderung des Erbgutes von Organismen durch die Addition synthetischer oder artfremder Gene. Den Gentechnologen wird von fundamentalistischen Kritikern vorgeworfen, hierdurch in unerlaubter Weise in die Natur einzugreifen. In ihrem Sondervotum zur Enqute-Kommission des 10. Deutschen Bundestages "Chancen und Risiken der Gentechnologie" stellt die Fraktion der Grünen kurz und bündig fest: "Die Anwendung gentechnischer Methoden und Produkte in Tier- und Pflanzenzucht wird abgelehnt". Die Wochenzeitschrift Die Zeit garniert eine Artikelserie über Gentechnik und Fortpflanzungsbiologie mit Horrorgemälden von Tiermenschen. Tatsache ist, daß Genetiker in der öffentlichen Diskussion heftig und emotional angegriffen werden.

Es ist jedoch notwendig, sich der öffentlichen Diskussion zu stellen. Das Interesse, das die Gesellschaft den möglichen Folgen der Gentechnologie entgegenbringt, ist berechtigt, und die Sorge um die Zukunft ist begründet. Es gilt das große Informationsdefizit a) darüber, was Gentechnologie ist und b) darüber, was mit Gentechnologie möglich ist, zu verkleinern. Sachgerechte Information ist notwendig, wenn die Frage, ob Gentechnologie verantwortbar ist oder nicht, sinnvoll diskutiert werden soll.

Die Sorge für die Zukunft ist etwas Urmenschliches. Wir müssen uns aber fragen dürfen, ob es richtig ist, die Zukunftsängste auf die möglichen Gefahren eines Mißbrauchs der Gentechnologie zu konzentrieren, oder ob es nicht vielleicht besser wäre, die Zukunft durch die Wahrnehmung der Chancen dieser Technologie zu meistern. Es kommt darauf an, die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, in der von ihrer Dringlichkeit diktierten Rangfolge anzugehen. Verantwortliches Handeln für die Zukunft setzt ein Abwägen von Möglichkeiten und die Berücksichtigung der katastrophalen Gesamtsituation der Menschheit auf diesem Globus voraus.

Hauptziel jeglichen Handelns muß der Erhalt der Lebensgrundlagen der Menschheit sein. Es ist deshalb notwendig, die realen Ursachen für die Gefährdung dieser Grundlagen zu identifizieren. Für den Erhalt unseres Ökosystems wäre es fatal, wenn diese notwendige Analyse fehlerhaft durchgeführt würde und als Folge davon positiv motivierte Menschen Strohpuppen bekämpften. Die eigentlichen Ursachen für die Misere würden dann nicht beseitigt.

Ist die Gentechnik Ursache der gegenwärtigen Situation des Menschen auf diesem Planeten oder ist sie eher eine Hilfe zur Verbesserung derselben?

Der Mensch hat seit Urzeiten in Form der Tier- und Pflanzenzüchtung (zunächst unbewußt, später gezielt) angewandte Genetik betrieben, d.h. in das Erbgut von Nutzorganismen eingegriffen. Der züchtende Mensch ist bemüht, die seiner Meinung nach günstigsten Erbanlagen verschiedener Rassen oder Arten in seinen Nutztieren oder Nutzpflanzen zu vereinigen. Die Resultate dieser Bemühungen sind uns allen bekannt, wenn auch vielleicht nicht allen bewußt. Viele Haustiere, aber auch Nutzpflanzen wären ohne die schützende Hand des Menschen in freier Wildbahn nicht mehr lebensfähig. Biologisch gesprochen sind wir mit ihnen und sie mit uns eine Symbiose eingegangen.

Die moderne, molekulare Gentechnologie hat die Zielsetzungen genetischer Manipulationen nicht verändert; sie stellt jedoch einen methodischen Durchbruch dar, der die Effizienz der Züchter in Zukunft gewaltig steigern wird. Durch diesen (bisher allerdings weitgehend hypothetischen) Machbarkeitszuwachs rückt die Tätigkeit der Züchter in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Ist es legitim, daß der Mensch Pflanzen und Tiere nach seinen Vorstellungen und zu seinem Nutzen umbaut? Ja, besteht vielleicht sogar die Gefahr, daß der Mensch beginnt, sich selbst genetisch umzuprogrammieren? Schließlich - wird dem ökologischen Gleichgewicht auf unserem Planeten nicht vielleicht durch die Gentechnologie der letzte Todesstoß versetzt?

Im folgenden werden zunächst die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Gentechnologie besprochen. Die Frage nach der Verantwortbarkeit dieser Technologie muß dann mit der Frage nach den Chancen und Risiken ihrer möglichen Anwendungen erwogen werden.

Nächste Kapitel sind:

Wissenschaftliche Grundlagen
Anwendungsmöglichkeiten


Peter v. Sengbusch - b-online@botanik.uni-hamburg.de