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Malayische Reisebriefe von Ernst Haeckel (1901)

Viertel Capitel.

Im Urwald von Tjibodas.

Am Schlusse des Jahres 1900 hatte ich meine biologischen Studien im Laboratorium von Beutenzorg beendet. Zu Weihnachten, das in Indien nicht besonders gefeiert wird, packte ich meine hier gemachten Sammlungen ein. Da waren die zahlreichen kleinen Gläser, die vorzugsweise Gliederthiere (Insecten und deren Larven, Scorpione, Spinnen, Tausendfüße und Crustaceen) enthielten; die Glasröhrchen mit werthvollen Embryonen von Wirbelthieren (Fischen, Amphibien, Reptilien, Säugethieren); die Blechkästen mit den größeren Wirbelthieren, Fischen, Riesenfröschen (doppelt so groß als unsere gewöhnlichen deutschen Frösche), meterlangen Rieseneidechsen (Monitoren), mächtigen Schnappschildkröten, javanischen Schuppenthieren u. s. w. Als alle diese Hunderte von Objecten nebst den vielen zu ihrer Präparation nöthigen Instrumenten und Gläsern endlich in sechs großen Kisten untergebracht waren, genoß ich jenes wohlthuende Gefühl, welches jeder reisende Naturforscher am glücklichen Abschlusse einer solchen mühseligen Campagne empfindet. Ich genoß es doppelt, weil ich mir sagte, daß von den zahlreichen Seereisen, die ich im Laufe eines halben Jahrhunderts zum Zwecke biologischer Forschungen angestellt hatte, diese malayische nicht nur die weiteste, sondern auch die letzte bleiben wird.

Der Monat, den ich nun für meinen Aufenthalt auf Java noch übrig hatte, sollte einer Landreise durch den schönsten und interessantesten Theil dieser herrlichen "Smaragdinsel", durch das Hochland der Preanger Provinz, und besonders einer gründlichen Bekanntschaft mit dem Urwalde von Tjibodas gewidmet werden. Ich wollte nicht von dieser Perle der niederländischen Colonien in Ostindien scheiden, ohne wenigstens ihre berühmtesten Punkte gesehen zu haben. Bisher war ich aus dem schönen Beutenzorg und seiner Umgebung kaum heraus gekommen. Selbst die Hauptstadt  B a t a v i a  hatte ich erst kennen gelernt, nachdem mir von der dortigen "Naturkundigen Vereinigung" als ihrem Ehrenmitglied die Aufforderung geworden, daselbst einen populär-wissenschaftlichen Vortrag zu halten. Dies geschah am 17. December 1900; ich versuchte, "die Geschichte und das Leben der Protisten", der niedersten einzelligen Lebewesen, einem größeren Zuhörerkreise zu erklären und die großartigen Fortschritte, die auf diesem Gebiete während des letzten halben Jahrhunderts gemacht worden sind, zusammen zu fassen. Um den Vortrag anschaulicher zu gestalten, hatte ich dabei eine größere Anzahl von Abbildungen ausgestellt; auch jene Tafeln aus meinen "Kunstformen der Natur", auf denen sowohl von Urpflanzen (Protophyten)

Fig. 24: F i c u s   M i n a h a s s a, ein Feigenbaum, aus dessen Stamm lange Blüthen-Aehren herabhängen.

als von Urthieren (Protozoen) die zierlichsten und merkwürdigsten Gestalten zusammen gestellt sind.

Der Präsident der "Koninglijke Natuurkundige Vereeniging", Major  J o h a n n   M ü l l e r  - Chef des topographischen Bureau von Niederländisch-Indien - gewährte mir zugleich die liebenswürdigste Gastfreundschaft in seinem Hause und machte mich in der kurzen Zeit von drei Tagen mit den interessantesten Theilen von Batavia bekannt. Unter der trefflichen Führung dieses wissenschaftlich hoch gebildeten Genie-Officiers besuchte ich das reiche Museum von Batavia, das eine Fülle der interessantesten ethnographischen Objecte enthält: Kleider und Waffen der verschiedensten Völker des malayischen Archipels, schöne Modelle ihrer Wohnungen und Schiffe, seltsame Fetische und andere Idole des Aberglaubens, grauenhafte Marterinstrumenten, historische und archäologische Merkwürdigkeiten aller Art; auch eine werthvolle Bibliothek, die viele indische Raritäten enthält.

An einem anderen Vormittage geleitete mich Dr.  J e n s e n, ein dänischer Botaniker, der jetzt in Beutenzorg angestellt ist, und dem ich für viele freundliche Dienste dankbar bin, in das ausgezeichnete  I n s t i t u t   P a s t e u r. Hier werden icht nur die in Insulinde besonders häufig von tollen Hunden gebissenen Personen nach Pasteur´s Methode geimpft und geheilt: von hier wird auch in großem Maßstabe die Kuhpocken-Lymphe zur Impfung der Kinder nach allen Theilen des malayischen Archipels und darüber hinaus nach Neu-Guinea, dem Bismark-Archipel, den Karolinen u. s. w. versandt. Bewunderungswürdig ist die Sorgfalt und Sauberkeit, mit welcher hier alle Einrichtungen für Vaccination getroffen und alle septischen Einflüsse, dem Tropenklima zum Trotze, ausgeschlossen sind. Geräumige Kühlkammern, deren doppelte Wände täglich mit Eis gefüllt werden, erhalten zahlreiche, mit Lymphe gefüllte Flaschen auf niederer Temperatur. In sauberen Ställen sind die Kühe untergebracht, welche die Lymphe liefern. Andere Ställe enthalten die Kaninchen, Hunde und Affen, an denen die unentbehrlichen Versuche angestellt werden.

Die segensreiche Wirksamkeit, welche dieses musterhaft eingerichtete und geleitete "Institut Pasteur" nicht nur in dem ganzen Gebiete von Insulinde, sondern weit über dessen Grenzen hinaus entfaltet, verdient die höchste Anerkennung; vielen tausend Menschen ist dadurch Gesundheit und Leben gerettet worden. Das sollten die gefühlseligen Thoren begreifen, welche in Deutschland und England fortwährend in Rede und Schrift gegen Vaccination und Vivisection eifern.

D e r   F i s c h m a r k t   v o n   B a t a v i a  gab mir eine lehrreiche Uebersicht über den großen Reichthum des malayischen Meeres an eigenthümlichen Fischen; viele von ihnen sind durch absonderliche Gestalt ausgezeichnet, die meisten durch mannigfaltige, oft sehr bunte und lebhafte Färbung; Bleeker hat in seinem großen Werke über die "Indischen Fische" davon sehr gut colorirte Abbildungen gegeben. Auch mir ward eine reiche Auswahl davon zu Theil: abenteuerlich gestaltete Hammerhaie und Flügelrochen, bunt gefleckte Aale und Lippfische, schön gestreifte Schuppenflosser und Spritzmäuler, sowie andere Knochenfische, die unseren nordischen Gewässern fremd sind.

Ein besonders interessantes größeres Gliederthier des malayischen Meeres ist der seltsame Molukkenkrebs (Limulus moluccanus), von den Javaners "M i m i" genannt. Sein flacher, stattlicher Körper scheint, vom Rücken gesehen, nur aus drei einfachen Stücken zu bestehen: aus einen halbkreisrunden Kopfschild, das einen Fuß Durchmesser erreicht und hinten halbmondförmig ausgeschnitten ist, einem sechseckigen Hinterleib und einem spießförmigen, langen Schwanzstachel. Erst wenn man den ungefügen Körper umdreht, gewahrt man auf der Bauchseite die sechs gegliederten Beinpaare, deren Schenkelköpfe zugleich zum Kauen dienen, und dahinter sechs Paar Kiemenfüße, welche die Athmung vermitteln.

Rückenseite des Limulus. Das große halbmondförmige Kopfbrustschild umfaßt den sechseckigen Hinterleib. Vorn sind ein Paar kleine, seitlich dahinter ein Paar große Augen sichtbar. Bauchseite des Limulus. Vorn sechs gegliederte, zum Kauen dienende Kopfbrust-Beinpaare, welche am Ende Krebsscheren tragen; hinten unter einem Kiemendeckel fünf Paar blattförmige Kiemenfüße.

Bei meinem zweimaligen Besuche des Fischmarktes von Batavia traf ich den Limulus, der dort nicht selten ist und von den Chinesen gegessen wird, leider nicht an. Um so mehr war ich erfreut, als mir schon wenige Tage später Herr Major Müller zwei große lebende Exemplare nach Beutenzorg hinauf schickte, ein Männchen und ein Weibchen. Die anatomische und mikroskopische Untersuchung derselben nahm den ganzen folgenden Sonntag (23. December) in Anspruch und machte den wichtigsten Theil meiner diesjährigen Weihnachtsfeier aus. Am Abend hatte die Frau Generalgouverneur  R o o s e b o o m  die Güte, mich durch Zusendung von drei Körbchen Erdbeeren zu erfreuen, die in ihrem Berggarten zu Tjipannas gezogen waren: hier eine seltene und sehr geschätzte Delicatesse, obschon sie einen säuerlichen Geschmack und nicht das köstliche Aroma unserer Thüringer Walderdbeeren besitzen.

Von der Anatomie des  L i m u l u s  möchte ich noch erwähnen, daß sein farbloses Blut mehr als einen großen Tassenkopf erfüllte und bald zu einer festen Gallertmasse gerann, die nach einer Stunde hellblau, nach vier Stunden dunkelblau wurde. Das das "blaue Blut" als sicheres Kennzeichen hohen Adels geschätzt wird, könnte man in dieser chemischen Thatsache einen neuen Beweis für unsere phylogenetische Annahme finden, daß der "Molukkenkrebs" kein echtes  K r e b s t h i e r  (Caridonia) ist, sondern der einzige lebende Ueberrest einer älteren, nächstverwandten, sonst ausgestorbenen Crustaceenklasse, der  S c h i l d t h i e r e  (Aspidonia). Diese schön gewappneten "Ritter" unter den Krustenthieren bevölkerten in ungeheuren Massen, vor vielen Millionen Jahren, die paläozoischen Meere; ihre harten Panzerreste und Abdrücke sind uns in den cambrischen, silurischen und devonischen Schichten, und auch im Steinkohlengebirge, durch zahlreiche Gattungen und Arten, vortrefflich erhalten geblieben. Eine Anzahl solcher  T r i l o b i t e n  habe ich im fünften Hefte meiner "Kunstformen der Natur" mit dem Limulus zusammen gestellt.

B a t a v i a  selbst, die weitläufig gebaute Hauptstadt von Java und ganz Niederländisch-Indien, ist so oft und ausführlich geschildert worden, daß ich nur mit wenigen Zeilen meine Eindrücke mittheilen will. Die Stadt besteht aus zwei sehr verschiedenen Theilen, aus der ursprünglichen, nüchternen Geschäftsstadt Alt-Batavia und aus den umfangreichen, später angebauten Vorstädten von Neu-Batavia.  A l t - B a t a v i a  wurde von den holländischen Colonisten zuerst am sumpfigen, flachen Meeresufer nach dem Muster holländischer Seestädte angelegt: lange, aus Stein gebaute Häuserreihen, die sich längs der Ufer von Kanälen oder Grachten weit hinziehen, berüchtigt wegen des ungesunden Klimas und besonders des gefährlichen Sumpffiebers, welches vielen tausend Europäern das Leben gekostet hat. Gegenwärtig werden diese feuchten, moderigen Steinhäuser von den Europäern nicht mehr als Wohn- und Schlafstädte benutzt, sondern nur als Contore, Gescchäfts- und Lagerräume. Tags über entwickelt sich hier das regste Geschäftsleben, Abends wird es still, und in eignen Equipagen, Droschken oder Pferde- und elektrischer Bahn fahren die Kaufleute in ihre freundlichen und gesunden Wohnungen nach den Vorstädten von  N e u - B a t a v i a  hinaus. Unter diesen ist die größte

L a n d h a u s   in  B a t a v i a .

und vornehme  W e l t e v r e d e n  ("Wohlzufrieden"). Die schönen und geräumigen Villen derselben liegen an schattigen Alleen, von großen, blumenreichen Gärten umgeben. Die Ausdehnung dieses Stadttheils ist sehr groß und seine Bauart so weitläufig, daß man ziemlich eine Stunde braucht, um den viereckigen, inmitten desselben gelegenen Exercirplatz (Koningsplein) zu umgehen.

Unweit dieses Platzes (in Kebon Sirih) lag auch die freundliche Wohnung meines verehrten Gastfreundes, Major  M ü l l e r; etwas weiter entfernt, im Schatten eines mächtigen Waringinbaumes, diejenige des deutschen Generalkonsuls, Herrn von  S y b u r g. In diesem, einem geborenen Schlesier, lernte ich einen sehr liebenswürdigen und gefälligen Landsmann kennen, der mit seiner reichen Erfahrung und seiner gründlichen Kenntniß von Land und Leuten meine Reisepläne vielfach förderte. Ein humorvoller Abend, den ich im Kreise deutscher Landsleute in seinem gastfreien Hause verlebte, gehört zu meinen angenehmsten Reiseerinnerungen. In einem witzigen Toaste, mit dem ich beehrt wurde, spielten nicht nur die bösen "Welträthsel" eine heitere Rolle, sondern auch die Radiolarien und andere "Protisten", bus zu der untersten Stufe derselben, den "Moneren", deren einfacher Plasmaleib das Wunder des organischen Lebens zu schaffen begonnen hat.

Von öffentlichen Bauten, die sich architektonisch auszeichnen, und sonstigen besonderen Sehenswürdigkeiten ist wenig zu sagen. Als Curiosum mag das alte Thor erwähnt werden, welches (in der Nähe des Fischmarktes) früher in die Citadelle führte. In zwei Nischen desselben stehen, zu beiden Seiten des Thorbogens, zwei Colossalfiguren, die sich durch höchst üppige Ernährung und große Glotzaugen in den schwarzen Gesichtern auszeichnen. Ich hielt sie erst für ein fürstliches Negerpaar, hörte aber dann, daß sie Mars und Athene, als Götter des Krieges und Friedens, darstellen sollten. In der Nähe dieses Thores liegt außen im Grase ein altes eisernes Kanonenrohr (Mariam), vor dessen Fußstück, eine eigenthümlich gestaltete Faust mit "Lingam"-Daumen darstellend, beständig Weihrauchwolken emporsteigen. Diese Opfer werden von malayischen Frauen (angeblich auch europäischen Damen) gebracht, welche mittelst desselben Kindersegen zu erzielen wünschen.

Der ausgedehnte Hafen von Batavia - sowohl der schlechte alte als der gute neue (Tandjon Priok) - bietet wenig Besonders; ebenso wenig das flache Vorland, das sich weit nach Süden gegen das Gebirge hin erstreckt; von letzterem ist meist wenig oder ncihts zu sehen. Sobald man aber von Weltevreden nach Beutenzorg hinauffährt (mit dem Schnellzuge in fünf Viertelstunden), beginnen sich die beiden großen Vulcane zu zeigen, welche für die Landschaft von Beutenzorg den charakteristischen Hintergrund abgeben: westlich der stolze  S a l a k  mit seiner fünfzackigen Krone (2253 Meter hoch), östlich der höhere  G e d e h  mit seinem Doppelgipfel, dem Pangerango (2935 Meter) und dem eigentlichen Gedeh (2700 Meter). Ueber den tiefen Sattel zwischen Salak und Gedeh führt (von Norden nach Süden) die Eisenbahn in das herrliche Preanger-Land.

An dem nördlichen Abhang des Gedeh, auf halber Höhe, liegt (1425 Meter über dem Meere) der berühmte Gebirgsgarten von  T j i b o d a s  (d. h. "Weißenbach"). Er bildet ohne Zweifel die Krone alles dessen, wodurch die tropische Zauberwelt von Java den europäischen Naturforscher entzückt; denn er bietet ihm - in bequemster und genehmster Form - die in ihrer Art einzige Gelegenheit, die Wunder des  t r o p i s c h e n   U r w a l d e s  ohne Schwierigkeit gründlich kennen zu lernen. Das vortrefflich eingerichtete "Urwald-Laboratorium", das oberhalb des Gartens gebaut ist, gestattet ihm, nicht nur an dem Rande des Urwalds oberflächlich seinen märchenhaften Formenreichthum zu schauen, sondern mit den raffinirten Hülfsmitteln der modernen Technik tief in seine erstaunlichen Geheimnisse einzudringen. Die zehn glücklichen und genußreichen Tage, welche ich hier mit meinem Freunde, Proffessor Treub, verleben durfte, werden immer zu den schönsten und reichsten Erinnerungen meines Lebens zählen.

Nachdem ich am zweiten Weihnachtsfeiertage mit meinem Freunde seinen neunundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte, bestieg ich mit ihm am 29. December in der Morgenfrühe den leichten dreispännigen Wagen, welcher uns über den Puntjakpaß in vier Stunden an den Fuß des Gedeh bringen sollte. Eine ganze Schaar Kulis war mit unserem umfangreichen Gepäck schon Tags zuvor hinaufgeschickt. In einem zweiten Wagen folgte uns Dr.  P a l l a  aus Graz, ein österreichischer Botaniker, der seit zwei Monaten im Laboratorium von Beutenzorg arbeitete. Unser Weg führte uns anfangs durch das lange Chinesendorf, dann zwischen ausgedehnten Reisfelder-Terrassen auf der schönen, von General Daendels durch ganz Java gelegten Heerstraße gegen Süden nach dem  M e g a m e n d u n g - G e b i r g e. Den prächtigen Urwald, der es bedeckt, konnten wir leider nur theilweise genießen, da in gewohnter Weise nur die ersten Morgenstunden heiter und sonnig waren, später aber schwere Regenwolken sich vom Gedeh herab wälzten. Die langen, zarten Nebelschleier, welche sie um die Kronen der riesigen Urwaldbäume wanden, und das Wogenspiel der unteren Nebelschichten, die sich in wechselnden geisterhaften Gestalten zwischen den Bäumen und Felsen durchdrängten, gewährten übrigens ein unvergleichliches Schauspiel.

Als die Straße im Gebirge zu steigen begann, wurden vor jeden unserer beiden leichten Wagen fünf Pferde gespannt. Dazu kamen noch je zwei Pferdejungen, welche die Aufgabe hatten, den Kutscher zu unterstützen, die Pferde anzufeuern, auch an besonders schwierigen Stellen die Räder mit fortschieben zu helfen. Auch unsere beiden Diener betheiligten sich an dieser Aufgabe, die inzwischen durch strömenden Regen erschwert wurde. So wurden wir beiden Insassen des Wagens auf die steile Paßhöhe des Puntjak hinauf befördert durch fünf dienstwillige Malayen und fünf kleine malayische Pferdchen, die mit jenen an Verständniß für die Situation und an ostensibler Aufopferung wetteiferten.

Auf der Paßhöhe (1500 Meter über dem Meere) rasteten wir eine Viertetstunde; man genießt von hier eine wundervolle Aussicht auf die weite grüne Preanger-Regentschaft im Osten und den nahen Gedeh im Süden; leider war ein großer Theil des Bildes heute durch Wolken bedeckt. Einen grünen Rahmen um dasselbe bildet die Fülle von zierlichen Baumfarnen, die den nahen Urwald säumen. Vor dem Luftcurorte Sindanglaja verließen wir unsern Weg und hatten nun noch anderthalb Stunden zu Fuß nach Tjibodas hinauf zu steigen. Der ziemlich steile Pfad ist schattenlos und war durch den Regen tüchtig aufgeweicht. Der Boden zwischen den schwarzen Lavablöcken war theils mit dem gemeinen, kosmopolischen Adlerfarn bedeckt (Pteris aquilina); diesen treuen Reisebegleiter habe ich in merkwürdiger Constanz auf allen meinen Reisen wieder gefunden: er wächst in derselben Form im Sande der märkischen und der Lüneburger Heide wie in den Hochgebirgsschluchten von Tirol und Savoyen, auf dem Aetna wie auf dem Pik von Teneriffa, in Ceylon wie auf Java.

Bald nach ein Uhr überschritten wir den tiefsten Einschnitt des "Weißenbaches" und betraten damit das Terrain des Gebirgsgartens von Tjobodas, welches über 31 Hektaren umfaßt; es werden hier zahlreiche wichtige Pflanzen der kühleren Zone cultivirt, welche unten im warmen Beutenzorg nicht aushalten. Der Urwald, welcher daran anstößt und welchen die Regierung ganz sich selbst überläßt, umfaßt nicht weniger als 283 Hektaren; er steigt hoch an dem Nordabhange des Gedeh empor, von 1425-1575 Meter, und wird durch die tiefen, felsigen Schluchten von zwei schäumenden Wildbächen eingeschlossen: Tjibodas und Tjikundul. Am unteren Rande desselben liegt auf einer freien Terrasse, mit prächtiger Aussicht, das freundliche Stationshaus, in dem wir gegen 1 1/2 Uhr - kurz vor Ausbruch eines mächtigen Gewitters - anlangten und uns behablich einrichteten (Fig. 27).

Das Areal von Tjibodas wurde zerst von dem hoch verdienten Gärtner  T e i j s m a n n  1852 zur Anlage einer China-Plantage erworben und vierzehn Jahre später in einen botanischen Gebirgsgarten verwandelt. Die unvergleichliche heutige Einrichtung aber, die Verbindung mit einem ausgedehnten und leicht zugänglichen Urwalde, und vor Allem die Ausstattung eines wissenschaftlichen Institutes mit allen modernen Hülfsmitteln der Forschung verdanken wir wiederum Professor  T r e u b. Er hat es mit seinem genialen praktischen Blick und seiner zähen, zielbewußten Energie verstanden, hier 1889 ein  t r o p i s c h e s   U r w a l d - I n s t i t u t  zu schaffen, das auf der ganzen Erde nicht seines Gleichen hat; es gibt dem Naturforscher die schönste Gelegenheit, die zahlreichen Probleme, welche der Urwald dem Botaniker und Zoologen, dem Geologen un ddem Physiker darbietet, in der bequemsten und fruchtbarsten Weise zu studiren.

Das hübsche und sehr zweckmäßige Stationsgebäude enthält zu beiden Seiten des mittleren Corridors links vier bequeme Wohn- und Schlafzimmer für die hier arbeitenden Forscher, rechts ein schönes, helles Laboratorium mit vier Arbeitsplätzen und mit großen Schränken, angefüllt mit allen nöthigen Instrumenten für botanische und zoologische, anatomische und physiologische Untersuchungen. Am hinteren (südlichen) Ende des Corridors liegt ein freundlicher Speisesaal, am vorderen (nördlichen) Ende ein gemüthlicher Salon mit reichhaltiger, wissenschaftlicher und belletristischer Bibliothek. Die große, lichte Veranda, auf welche man aus dem Salon tritt, ist ein reizender Platz zum Ausruhen von der Arbeit, mit der Aussicht auf dem Berggarten, rechts und links das Dickicht des Urwaldes auf den Abhängen des Gedeh, in der Ferne die lichtgrünen Reisfelder und die blinkenden Wasserflächen der Preanger-Landschaft und darüber in blauem Dufte die malerischen Contouren des fernen Hochgebirges. Bei klarem Wetter erblickt man über den niedrigen Abfällen des letzteren im Norden einen feinen Silberstreifen, das Meer an der Küste von Batavia.

Am breiten Rande der freien Terrasse, die sich vor der Veranda ausdehnt, stehen ein paar seltsame Bäume, die wie aufgespießte Stachelthiere aussehen. Ein kurzer dicker Stamm ohne Aeste trägt einen riesigen Blätterschopf, zusammengesetzt aus Tausenden von sehr langen und schmalen, grasartigen Blättern; gleich gebogenen Ruthen strahlen dieselben von einem gemeinsamen Mittelpunkt aus. Es ist dies der australische Grasbaum (Xanthorrhoea australis)

Als ich bei Tisch meine Bewunderung über die ebenso gefällige wie

D e r   a u s t r a l i s c h e   G r a s b a u m  (Xanthorrhoea australis) vor dem Stationshaus von Tjibodas.

zweckmäßige Einrichtung des Stationshauses aussprach und Freund Treub nach den Kosten des Baues fragte, antwortete er lächend: "Der Bau hat  N i c h t s  gekostet; Sie finden in keiner unserer umfangreichen Gouvernementsacten eine Zeile darüber!" - Wie löst sich dies Räthsel?" Bis vor zwölf Jahren hatten die wenigen Botaniker, die den Gebirgsgarten und Urwald von Tjibodas besuchten, ihre Arbeiten in den bescheidenen Räumen des kleinen Gärtnerhauses ausgeführt, das etwas oberhalb des jetzigen Stationshauses liegt. Als Professor Treub sah, daß bei steigendem Besuche diese ganz ungenügend und nicht entfernt der Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten angemessen seien, die Regierung aber keine Mittel für einen Neubau disponibel hatte, benutzte er mit seinem diplomatischen Talente eine günstige sich darbietende Gelegenheit zur Erreichung seines Zweckes. Es wurde damals in  T j i p a n n a s  (= Warmbrunn), eine Stunde unterhalb Tjibodas, im Parke des Generalgouveneurs ein neues Lustschloß für denselben gebaut. Das kostbarste Baumaterial, eine Anzahl von Stämmen des hochgeschätzten Rasamalah-Baumes, aus dem Urwalde von Tjibodas, versprach Treub dem befreundeten, dem Bau leitenden Architekten gratis zu liefern und erhielt dagegen von ihm die Zusage, daß die Abfälle vom Schloßbau zur Errichtung eines einfachen Stationsgebäudes verwendet werden sollten. Das geschah, und der damalige Generalgouverneur, als später Treub selbst ihn in den also entstandenen Räumen umher führte, war ebenso überrascht wie erfreut über das, was aus seinen Bauresten geworden. Die Ausstattung des Innern besorgte Treub theils aus eigenen Mitteln, theils aus denjenigen des Beutenzorger Gartens.

Was ich bei dieser wie bei anderen Gelegenheiten an Professor Treub besonders bewunderte und hochschätzte, das ist die volle ideal Hingabe an die Sache, deren Förderung er als seine Lebensaufgabe betrachtet. Die Stellung, welche er als Director der botanischen Institute in Beutenzorg und Tjibodas seit zwanzig Jahren mit so großartigem Erfolg bekleidet, ist ebenso schwierig und verantwortungsvoll als fruchtbar und lohnend. Auf der einen Seite hat er beständig mit dem Generalgouverneur in Beutenzorg und dem Ministerium im Haag zu verhandeln, auf der anderen Seite mit den zahlreichen Beamten, welche im Dienste der Institute stehen, mit den reichen Privatleuten, welche freiwillig zu deren Ausstattung beitragen, mit den Pflanzern und Gärtnern, welche dieselben reichlich benutzen und wichtige Vortheile für ihre Pflanzungen daraus ziehen. Dazu nun die finanzielle und administrative Direction eines so gewaltigen Institutes und endlich die eigene originelle wissenschaftliche Arbeit; es ist nur sehr zu bedauern, daß er selten für letztere die nöthige Zeit findet, da diese von dringenderen praktischen Aufgaben in Anspruch genommen wird.

Die wissenschaftlichen Arbeiten im Urwald-Institut von Tjibodas werden durch die Gunst der äußeren Verhältnisse in der vortheilhaftesten Weise gefördert. In erster Linie gilt das von dem Umstande, daß man unmittelbar aus den Hintergebäuden der Station in den unberührten Urwald tritt; jederzeit kann man sich aus demselben das reichste Material in wenigen Minuten holen und sofort im Laboratorium der mikroskopischen, physiologischen, chemischen Untersuchung unterwerfen. Während der echte Urwald, der "Virgin Forest", sonst fast überall nur sehr schwer zugänglich ist und man viele Leute braucht, um mit Axt und Hackmesser sich langsam Bahn durch denselben zu brechen, führen in den von Tjibodas gebahnte Pfade, die ihn nach allen Richtungen durchziehen und beständige Revision der Gartengehülfen frei und gangbar erhalten werden. Sowohl die großen Hauptwege als die vielen kleinen Seitenpfade (oft blind endend) sind nummerirt und mit den Ziffern der einzelnen Bezirke bezeichnet. Man kann also an der Hand des gedruckten Planes hier Stunden lang allein umher wandern, ohne sich zu verirren; immer wieder kommt man auf die Hauptpfade zurück, die abwärts zur Station fürhen.

Sehr zu statten kommt ferner der Arbeit in Tjibodas das herrliche, kühle Klima dieser Bergstation, die fast 1200 Meter höher als Beutenzorg liegt. Jetzt, Ende December, hatten wir ungefähr dieselben angenehmen Verhältnisse wie bei uns in Thüringen im schönen Juni. Früh Morgens zwischen 6 und 7 Uhr betrug die Temperatur im Schatten 14-16 o C., Mittags zwischen 1 und 2 Uhr 20-21 o C., Abends zwischen 9 und 10 Uhr 16-18 o. Von entzückender Frische sind die frühen Morgenstunden, von 5-8, die ich zum Entwerfen von Aquarellskizzen benutzte: entweder von dem freien Kartoffelfelde hinter dem Kuhstall, wo man (oberhalb der Station) einen vollen Blick auf die nahen, großartigen Vulcankegel hat, tief zu Füßen die wilde Schlucht des Weißenbaches mit seinen Wasserfällen; oder von der Terrasse (unterhalb der Station), wo Treub einen reizenden kleinen See angelegt hat. Oberhalb seiner Ufer blickt man auf Schluchten mit der mannigfaltigsten Vegetation, besonders zierlichen Lianen und Farnbäumen; im Mittelgrunde unten schimmern die hellgrünen Reisfelder und die silberglänzenden Teiche des weiten Thalgrundes, über dem sich mehrere Reihen von langgestreckten Gebirgszügen erheben, die hinterste, blaue Kette mit zackigem, schön geschnittenen Profile. Zwischen 7 und 8 Uhr begannen gewöhnlich schon die beiden mächtigen Vulcan-Zwillinge, Gedeh und Pangerango, Wolkenschaaren um sich zu sammeln und ihr Haupt zu verhüllen. Ich kehrte dann zur Station zurück, um mit meinen beiden Genossen das Frühstück einzunehmen. Nach demselben begann sofort die Wanderung in den Urwald, dessen unerschöpfliche Reize wir drei bis vier Stunden lang genossen. Zwischen 12 und 2 Uhr brach gewöhnlich der schon lange drohende Gewitterregen los, der oft drei bis vier Stunden anhielt, bisweilen in Wolkenbrüchen, deren Stärke denjenigen von Beutenzorg nichts nachgab. Nach dem Mittagessen blieben wir den Nachmittag im Laboratorium, um die eingesammelten Schätze zu untersuchen und zu conserviren, von den interessantesten Formen Zeichnungen und Aquarelle anzufertigen. Um 5 oder 6 Uhr hatte sich das Wetter wenigstens so weit geklärt, daß wir noch einen kleinen Abendspaziergang zusammen machen konnten. Wirklich schöne Abende hatten wir nur zwei; diese aber von seltener Herrlichkeit. Die Abendsonne übergoß nicht nur die schön geformten Haufenwolken und Cirrhen mit den wärmsten Farben, sondern übermalte auch die fernen Bergketten im Norden und Osten mit den zartesten rothen und violetten Tinten. Der ferne Traumbild schimmerte um so wirkungsvoller, als der breite Rahmen des schwarzen Urwaldes zu beiden Seiten bereits tief im Schatten lag - eine zauberhafte Fata Morgana.

Doch nun zur Betrachtung unseres wunderbaren Waldes selbst, zur Wanderung durch den  t r o p i s c h e n   U r w a l d  des Gedeh-Gebirges! So weit eine allgemeine Schilderung desselben möglich ist, findet sie sich bereits bei  H a b e r l a n d t  im fünfzehnten Capitel seiner trefflichen, mehrfach erwähnten "Tropenreise". Desgleichen hat  J e a n   M a s s a r t  in seiner kleinen Schrift "Un botaniste en Malaisie" seinen Character gut bezeichnet. Den eigenthümlichen, tiefen Eindruck, welchen der Urwald gerade in Tjibodas, vermöge der besonders günstigen Bedingungen seines Studiums, hervorruft, hat  R i c h a r d   S e m o n  wiedergegeben im fünfzehnten Capitel seiner ausgezeichneten Reisebeschreibung: "Im australischen Busch und an den Küsten des Korallenmeeres" - einer der besten, gediegensten und anziehendsten Reiseschilderungen, welche ich kenne. Auch von anderen Naturforschern, welche den Urwald von Tjibodas besuchten, sind dessen Wunder bald allgemeiner, bald specieller geschildert worden. Ich kann mit daher hier darauf beschränken, von der gewaltigen Wirkung zu sprechen, welche derselbe auch auf mich ausgeübt hat.

Denn freilich vermag die Feder immer ein ungenügendes Bild zu liefern, wenn die dürftige Beschreibung nicht zugleich durch Betrachtung zahlreicher Photogramme, Zeichnungen und Aquarellskizzen anschaulich illustrirt wird. Indessen bleiben auch diese bildlichen Darstellungen, selbst wenn sie der Hand eines wirklichen Künstlers entstammen (und nicht, wie bei mir bloß Dilettantenversuche sind) mehr oder weniger unvollkommen. Der tropische Urwald gehört ebenso wie die tropische Korallenbank zu jenen großartigen Wunderwerken der Natur, welche man selbst gesehen haben muß, um sie begreifen und zu verstehen. Die bunte, überreiche Zusammendrängung von Hunderten der merkwürdigsten Objecte in den engen Raum eines einzigen Bildes, das verwegene und verwirrende Durcheinanderwachsen von tausend schönen Einzelformen, die unglaublichen Licht- und Farbeneffecte der Tropensonne in diesem märchenhaften Gestaltenchaos - das muß selbst die Hand des genialen Künstlers bei dem kühnen Versuche ihrer Wiedergabe erlahmen lassen.

Zunächst sollte man von der  P h o t o g r a p h i e  erwarten, daß sie im Stande sein müßte, den Charakter des tropischen Urwaldes vollkommen objectiv und exakt wiederzugeben. Das ist indessen durchaus nicht der Fall, wie schon  J e a n   M a s s a r t  hervorgehoben hat (a. a. S. 211). Sie reicht höchstens aus, um aus weiterer Entfernung die Umrisse, die allgemeine oberflächliche Zusammensetzung des Urwaldbildes getreu wiederzugeben. Ein solches Photogramm, wie es z. B.  S e m o n  auf S. 456 seines australischen Reise gebracht hat, kann bei guter Retouche Vieles zeigen. Sobald man dagegen näher tritt, sobald man die schönen Einzelheiten des überreichen Bildes mittelst der Camera einigermaßen groß und deutlich zu fixiren versucht, versagt dieselbe. In dem bunten Wirrwarr der durch einander geflochtenen Pflanzenmassen sucht das Auge vergebens nach einem Ruhepunkte. Entweder ist die Beleuchtung gedämpft, und dann stören die Tausende von gekreuzten Stamm-, Ast- und Blattgestalten - noch dazu mit einem Chaos von Epiphyten belastet! - sich gegenseitig. Oder das Licht der hochstehenden Sonne scheint von oben hell durch die Lücken der hohen Baumkronen und erzeugt auf den spiegelnden Flächen der lederartigen Blätter Tausende von grellen Reflex- und Glanzlichtern, die keiknen einheitlichen Gesammteindruck aufkommen lassen. Vollends im Innern des Urwaldes sind die Beleuchtungsverhältnisse ganz wunderbar und mittelst der Photographie schlechterdings nicht wiederzugeben.

Ich besitze zahlreiche Photogramme des Urwaldes, die technisch betrachtet, als wohlgelungen zu bezeichnen sind, insbesondere auch sehr gute Bilder, welche der treffliche Photograph Land (aus Eßlingen) in Beutenzorg und Tjibodas aufgenommen hat. Doch ist unter diesen und vielen anderen Photogrammen des Urwaldes, die ich gesehen , kein einziges, welches dem damit unbekannten Beschauer ein richtiges Bild geben könnte. Zudem fehlts immer der eigenthümliche Reiz der Farbe, insbesondere der hunterfachen, zarten und bunten Abstufungen, in denen die vorherrschende grüne und braune Farbe auftritt und sich mit anderen Tönen verbindet.

Auch durch sorgfältige  Z e i c h n u n g  gelingt es immer nur theilweise, den Charakter des Urwaldes richtig wiederzugeben. Zu den besten derartigen Darstellungen gehören die "Vegetationsansichten" von  K i t t l i t z, die derselbe auf seiner Weltreise (in den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts) naturgetreu entworfen und dann mit genialer Künstlerhand selbst in Erz radirt hat; schon  A l e x a n d e r   v o n   H u m b o l d t  rühmt ihre "unnachahmliche Naturtreue". Dagegen sind die vielfachen Bilder des Urwaldes, die neuerdings in modernen Reisebeschreibungen und illustrirten Zeitschriften publicirt werden, zum großen Theil wenig getreu und geben, zumeist der subjectiven Phantasie des Zeichners entsprungen, oft eine falsche Vorstellung. Die Bleistiftskizzen, durch welche  H a b e r l a n d t  seine Beschreibung illustrirt hat, geben zwar die charakteristischen Umrissse von einzelnen Pflanzen und deren Theilen getreu wieder, sind aber im Ganzen doch zu dürftig: nur wer diese herrlichen Pflanzengestalten selbst gesehen hat, vermag mittelst der Phantasie aus jenen flüchtigen Skizzen die ursprüngliche Gestalt zu reconstruiren.

Als die zweckmäßigste Methode zum Festhalten eines charakteristischen Bildes erweist sich nach meiner Ansicht beim Urwald - ebens wie bei den meisten anderen Landschaften - das  A q u a r e l l; nur muß eine sorgfältige Zeichnung der wichtigsten Gestalten des Bildes und eine kritische Auswahl der vorzugsweise typischen Formen vorausgehen. Doch sind auch hier die Schwierigkeiten nicht gering; besonders wenn - wie gewöhnlich -die disponible Zeit beschränkt und von der Gunst des rasch wechselnden Wetters abhängig ist. Ich habe selbst eine große Anzahl soclher farbiger Aquarellskizzen angefertigt, welche wenigstens mir persönlich vollkommen das subjektive Bild lebendig erhalten, das ich beim unmittelbaren Schauen dieser zaubervollen Natur und bei der Vertiefung in dieselbe während des Malens in mich aufnahm.

Um ein größeres, völlig ausgeführtes Bild des Urwaldes in Farben zu erhalten, ist allerdings das  O e l m a l e n  dem Aquarell noch vorzuziehen, und ich habe es sehr bedauert, daß ich auf dieser malayischen Reise meinen Apparat dazu nicht mitgenommen hatte, entmuthigt durch die geringen Erfolge, die ich damit vor neunzehn Jahren in Ceylon erzielte. Freilich viel Zeit und Ruhe dazu, um ein gutes Oelbild fertig zu bringen, viel mehr, als dem Tropenreisenden gewöhnlich zu Gebote steht. Die Technik der Oelmalerei besitzt bekanntlich vor derjenigen des Aquarells den großen Vorzug, daß man nach Entwurf des Bildes jeden einzelnen Theil desselben sorgfältig ausmalen, dann aber beliebig abändern und übermalen kann. Helle Lichter müssen im Aquarell sorgfältig ausgespart werden; sie lassen sich gewöhnlich nur unbefriedigend mit hellen Deckfarben aufsetzen oder mit dem Messer auskratzen. Dagegen kann man sie mit heller Oelfarbe leicht und wirkungsvoll über die dunkelsten Schattenpartien legen. Das ist bei den vielen hellen Glanzlichtern im dunkeln Urwald, für die Wiedergabe der hellen Aeste, Lianen u. s. w. besonders werthvoll. Ueberhaupt kann man das Oelbild, wenn schon längst abgeschlossen, immer wieder übermalen, neue Farben und Formen aufsetzen u. s. w. Ein guter Landschaftsmaler - besonders, wenn er botanische Kenntnisse besitzt - wird im Stande sein, in einem größeren Oelbilde dem Beschauer die phantastische Zauberwelt des Urwaldes wirklich annähernd vor Augen zu stellen. Da das Interesse an dem letzteren, wie an den Wundern der Tropennatur überhaupt, in jüngster Zeit beständig gewachsen und durch die Ausdehnung unseres Colonialbesitzes und die Zunahme der großen Reisen nur noch gesteigert worden ist, so sollte man denken, daß die Herstellung solcher Tropenbilder, die volle Naturtreue mit künstlerischer Auffassung vereinigen, eine sehr lohnende und dankbare Aufgabe für unsere jungen Landschaftsmaler sein müßte. Trotzdem begegnen wir noch heute, ebenso wie früher, auf unseren Kunstausstellungen nur sehr selten einer Tropenlandschaft. Ausgeführte Oelbilder des Urwaldes habe ich nur von Königsbrunn, Bellermann, Goering und einigen englischen Malern gesehen. Und doch wies schon  A l e x a n d e r   v o n   H u m b o l d t  darauf hin, wie wichtig "die Landschaftsmalerei als Anregungsmittel zum Naturstudium" sei.

Die bedeutenden Schwierigkeiten, welche einer naturgetreuen bildlichen Darstellung des tropischen Urwaldes entgegen stehen, sind durch mehrere Charakterzüge desselben bedingt: durch die große Zahl der ihn zusammensetzenden Pflanzenarten, durch ihre sehr verschiedenen, vielfach riesenhaften Dimensionen, durch das Ueberwiegen holziger Stämme, die massenhafte Entwicklung von Parasiten und Epiphyten, durch die eigenthümlichen localen und klimatgischen Bedingungen des Wachsthums u. s. w. Was dem Europäer beim ersten Eintritt in den tropischen Urwald am meisten auffällt, ist die außerdentlicheh große  Z a h l   u n d   M a n n i g f a l t i g k e i t   d e r   A r t e n, die ihn zusammensetzen. Bei uns in Europa finden wir vorwiegend reine Waldbestände; unsere schänen Buchenwälder sind aus einer einzigen Buchenart gebildet, die Tannenwälder auseiner Tannenart u. s. w.; und selbst in unseren gemischten Waldbeständen sind meistens wenige Arten ganz vorherrschend, hinter denen die zwanzig oder dreißig anderen, einzeln dazwischen stehnenden, völlig zurücktreten. Hier in dem tropischen Urwald dagegen beträgt die Zahl der verschiedenen holzigen Baumarten oft über tausend, un diese sind so bunt durch einander gemischt, daß man oft nach wenigen Schritten ein Dutzend anderer sieht und lange suchen kann, bis man ein zweites Exemplar von einer und derselben Art findet.

Die  G r ö ß e  der einzelnen Baumarten, Höhe und Durchmesser ihrer Stämme und Aeste, Ausbreitung der Wurzeln, ist im Durchschnitt sehr beträchtlich und und derjenigen unserer europäischen Waldbäume weit überlegen. Alte Prachtexemplare unserer Linden, Eichen, Buchen, Tannen, die wir ihrer "riesigen Größe" wegen sehr bewundern, würden im Urwalde von Tjibodas nur einen mittleren Rang einnehmen; höhere und stärkere Stämme finden sich hier zu Tausenden vor. Ueber alle anderen empor ragt der berühmte  R a s a m a l a h - B a u m, welchen  J u n g h u h n  mit Recht den "Fürsten der javanischen Wälder" nennt (Liquidambar Altingiana). Sein glatter, silberfarbener Stamm gleicht einer Marmorsäule und erreicht bis zu 3 Meter Durchmesser und 50 Meter Höhe; er steigt gerade und einfach 25-30 Meter empor, ehe er sich zu verästeln beginnt. Die eichenartige Krone ist reich verästelt, aber spärlich belaubt; sein schweres, hartes Holz wird als Bauholz sehr geschätzt. Lange graue Bartflechten (Usnea) hängen von seinen Aesten in Masse herab; die mächtigen Bretterwurzeln, welche unten den Riesenstamm stützen, strahlen, wie bei vielen Feigenarten und anderen Urwaldbäumen, auf dem Boden nach allen Richtungen gewunden aus und lassen zwischen sich tiefe Nischen, in denen sich eine größere Anzahl von Personen aufrecht stehend wie in einem Schilderhause verbergen kann. Zur Höhe von 30-40 Meter und einem Durchmesser von 2 Metern und darüber erheben sich aber auch viele andere Urwaldbäume, aus sehr verschiedenen Familien. Die Kastanien und Eichen, die hier vorkommen, sind von den unsrigen grundverschieden; sie haben ebenfalls säulenartige, ganz gerade Stämme, einfache, nicht gelappte, immergrüne Blätter und kurze, dicke, fast kugelige Früchte. Die eigenthümlichen Nadelhölzer dazwischen (Podocarpus) sind ähnlich gestaltet und haben statt der Nadeln breite Schuppen oder einfache, lederartige Blätter. Höher hinauf am Gedeh sind es namentlich die Lorbeergewächse (Laurineen), mit glänzenden, lederartigen Blättern, und Melastomaceen, mit höchst zierlichen und regelmäßigem Netzwerk der Blattnerven, welche in vielen schönen Arten die Zierde des Bergwaldes bilden. Dagegen sind die Palmen hier nur durch wenige kleine Arten vertreten, Areca und Pinanga, Stämmchen von wenigen Metern Höhe, mit spärlichen, relativ kleinen Blättern.

Wenn man im Urwalde von Tjibodas mehrere Stunden an dem Abhange des Gedeh auswärts steigt, ändert sich der Vegetationscharakter wesentlich; die Bäume werden niedriger, knorriger und gehen allmählich in dichtes Buschwerk über, das die höchsten Abhänge bekleidet. Auch in der Zusammensetzung des Unterholzes zeigen sich beträchtliche Veränderungen. Unten zeichnet sich dasselbe besonders durch den Reichthum an wildem Pisang und verschiedenen schönen Gewürzlilien aus (Marantaceen); dahin gehören die Ingwerarten, die Canna unserer Gärten, die Bananen und die stattlichen Elettarien. Ihre einfachen, hellgrünen Blätter sind meist sehr ansehnlich, oft riesengroß, die Blüthenkolben prächtig gefärbt. Weiter oben erscheint dagegen die "Alpenrose von Java", das Rhododendron retusum, mit feuerrothen Blumen; sie thront oft als Ephphyt hoch oben in den Kronen anderer Bäume. Sonst sind bunte und schön gezeichnete große Blumen im Urwalde meistens selten. Orchideen gibt es zwar auf den Bäumen viel; aber selten trifft man eine Blüthe derselben. Die häufigste Blume am Wegesrande ist eine hübsche rothe Balsamine (Impatiens latifolia); ihre Purpurfarbe wird um so heller, je höher sie am Berge emporsteigt.

Einer der auffallendsten und überraschendsten Charakterzüge des Urwalds von Tjibodas ist der unglaubliche  R e i c h t h u m   a n   K r y p t o g a m e n, sowohl was die Zahl der Arten als die Masser der Individuen betrifft. Das hängt mit dem ununterbrochenen Wasserüberfluß dieser "Regenwälder" zusammen, der auch die so fabelhafte Entwicklung der Ephiphyten und Parasiten bedingt. Auf jedem Schritt begegnen wir zahlreichen Arten von Farmen und Bärlapparten, Laub- und Lebermoosen, Pilzen und Flechten.

Die imposanteste Rolle unter diesen "blumenlosen Pflanzen" spielt die Classe der  F a r n e  (Filicinae). Fast Alles, was diese Classe von Gefäß-Kryptogamen auf unserem Erdball Wunderbares hervorbringt, finden wir in den niederen und höheren Regionen des Tjibodas-Waldes vereinigt, und zwar in solcher massenhaften Fülle, daß die meisten anderen Pflanzen (abgesehen von den großen Bäumen) dagegen ganz zurück treten. Die zahlreichen Farnkräuter, die in unserem gemäßigten Klima den feuchten Wald schmücken, geben nur ein schwaches Bild von dem allgemeinen Charakter dieser herrlichen Kinder der Flora. Ueber alle Beschreibung schön sind die  B a u m f a r n e, die hier in dem ewig feuchten Regenwalde am Gedeh die günstigsten Bedingungen für ihre volle Entwicklung finden (Fig. 28). Sie vereinigen in sich den schlanken Wuchs der Palme und die zierliche Fiederbildung der Doldenpflanzen (Umbelliferen). Der einfache, ungetheilte, meistens 5-15 Meter hohe, braune Stamm ist hübsch gezeichnet, indem die Ansätze der abgefallenen älteren Blätter rhombische Figuren bilden. Oben trägt er die breite und flach gewölbte, schirmförmige Krone, zusammengesetzt aus einer Zahl von zwanzig bis dreißig langestielten, mächtigen Fiederblättern. Während bei den Palmen die einzelnen Blattfiedern meistens einfache, starre, lederartige derbe Blätter von Eiform oder Lanzettform darstellen, sind dieselben dagegen bei den Farnbäumen selbst wieder mehrfach gefiedert und in unzählige kleine Blättchen symmetrisch getheilt. Dabei ist ihr Gewebe viel zarter und durchsichtiger, so daß das von oben einfallende Sonnenlicht mehr oder weniger hindurch scheint. Steht man unter einem solchen Schirme, so meint man über sich einen zarten hellgrünen Schleier zu haben, "aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit". Bewegt aber ein Windhauch leise die anmuthig herabgebogenen Blätter dieser glockenförmigen Krone, so glaubt man, daß die schöne, darin wohnende Dryade uns Kühlung und Erquickung zufächelt. Am schönsten erscheinen die Farnbäume im Silberlichte des Vollmondes. Unterhalb der anmuthigen Krone hängen die abgestorbenen braunen Blätter und Blattstiele gleich langen Haaren herab, was den poetischen und malerischen Eindruck noch erhöht.

Viel derber als diese wundervollen Fiederblätter der Alsophilen sind die colossalen Blätter eines stammlosen Farnkrautes, Angiopteris Teysmanniana; sie erreichen über 4 Meter Länge; ihre steifen Blattstiele werden 10 Centimeter dick. Auch viele andere Farnkräuter - bald unseren europäischen Arten ähnlich, bald sehr verschieden gestaltet - imponiren uns durch gewaltige Dimensionen. Daneben fehlt es aber auch nicht an solchen, die viel zarter und kleiner sind. Das winzige Monogramma gleicht einem Gradbüschelchen. Betrachtet man aber die Rückseite der feinen fadenförmigen Blättchen, so sieht man die Reihe der braunen Sporangien, welche die Farnnatur verräth. Steigen wir weiter am Gedeh aufwärts, so nimmt immer mehr die Zahl und Mannigfaltigkeit der  S c h l e i e r f a r n e  zu (Hymnenophylleen). Sie können leicht mit gewissen Moosen verwechselt werden; die kleinsten unter ihnen sind kleiner und schwächer als die riesengroßen Laubmoose, die sich über sie erheben. So liefern die Farne mehrfache Beweise für den Satz, daß die reiche Gestaltungskraft des Tropenwaldes in einer und derselben Classe nicht allein die größten und gewaltigsten, sondern auch die kleinsten und zartesten Gestalten hervorzubringen vermag. Wir finden diesen Satz hier auch für die Moose und Flechten, die Orchideen und Liliaceen, die Palmen und Feigen und viele andere Pflanzengruppen bestätigt.

Fig. 29.  W e g   i m   U r w a l d   v o n   T j i b o d a s, mit Lianen, auf denen  V o g e l n e s t - F a r n e  sitzen (Asplenum nidus avis)

Ein großes stammloses Farnkraut von eigenthümlicher Trichterform nimmt an der Physiognomie des Urwaldes von Tjibodas einen bestimmenden Antheil; das ist der seltsame Vogelnestfarn (Asplenium nidus avis). Die regelmäßig kreisrunde Krone desselben wird durch sehr zahlreiche, einfache, zungenförmige Blätter gebildet, welche über 2 Meter Länge erreichen und, in zierlichem Bogen aufsteigend, außen nach abwärts gekrümmt sind. In dem Trichter, welchen die dicht gedrängten Riesenblätter bilden, sammelt sich das Regenwasser und das abfallende Laubwerk der Bäume. Durch Zersetzung desselben wird reichliche Humuserde gebildet, und in dieser hausen sich nur Insecten, Spinnen und Tausendfüße, sondern auch colossale, hellviolette Regenwürmer von 30 cm Länge und 1 1/2 cm Dicke. Die Nährwurzeln des Farnkrautes selbst wachsen in dies von ihm gebildete Humusbeet hinein. Die braunen, abgestorbenen Blätter hängen unter der hellgrünen Krone frei herab; auch wenn die vermodern, bleibt noch ihr starker, glänzend schwarzer Mittelnerv übrig und betheiligt sich an der Decoration dieses seltsamen Pflanzengebildes.

In Tausenden von großen und kleinen Exemplaren ziert dieses vegetabilische Vogelnest die Stämme und Aeste der Urwaldbäume von oben bis unten. Besonders schön nimmt dasselbe sich aus, wenn es frei in der Mitte eines Lianenbogens sitzt, der sich von einem Stamm zum anderen schlingt. Bisweilen erscheint es auch oben auf dem Stumpfe eines abgebrochenen Baumstammes und gedeiht dann besonders üppig. Man glaubt beim ersten Anblick einen höchst eigenthümlichen Farnbaum mit starkem Stamm und einer Krone von einfachen ungetheilten Bogenblättern vor sich zu haben.

Nächst den echten Laubfarnen (Filicinae) müssen wir auch der zierlichen  S c h u p p e n f a r n e  (Lycopodinae oder Selagineae) gedenken. Sie bedecken in unserem Urwalde ebenfalls einen großen Theil des Bodens und der Pflanzen, die sich aus ihm erheben, sowohl die Stämme als die Blätter. Außer den zierlichen Selaginellen, die ausgedehnte Rasen bilden, begegnen wir auch vielen Arten von echten Bärlapparten (Lycopodium); manche Species sind unseren einheimischen sehr ähnlich, andere zum Theil sehr große, unterscheiden sich durch bogenförmige Gestalt des aufsteigenden Stengels.

Unübersehbar ist die Masse der Moose, denen wir in Tjibodas auf Schritt und Tritt begegnen. Die Stämme und Aeste der meisten Bäume, besonders in den höheren Regionen, sind damit bedeckt. Aber auch auf den Blättern der verschiedensten Gewächse haben sie sich ebenso wie die Flechten angesiedelt. Der Formenreichthum dieser Muscinen, der Laubmoose (Phyllobrya) wie der Lagermoose (Thallobrya, ist außerordentlich groß. Auch hier wieder treffen wir die auffallendsten Differenzen in Größe und Massenentwicklung an; einerseits äußerst feine, leicht übersehbare Zwergformen, andererseits Riesenformen, welche die uns gewohnten Dimensionen weit übertreffen. Rhodobryum giganteum ahmt die elegante Form der Baumfarne nach und trägt auf seinen 3-5 Centimeter hohen Stämmchen eine zierliche Rosette von lanzettförmigen, zurück gebogenen Blättern von 1 1/2 Centimeter Länge. Einige große Hypnum-Arten gleichen den Farnkräutern, die in ihrem Schatten wachsen, aber beträchtlich zarter sind. Erstaunlich lang werden die Moosbärte, die massenhaft oben von den Aesten der Bäume herabhängen Aërobryum u. a.).

Die Mehrzahl dieser Moose und Farne sind  E p i p h y t e n; d. h. sie siedeln sich nicht auf der Erde an, sondern auf anderen Gewächsen. Die meisten ziehen die Rinden der Bäume vor, andere ihre Wurzeln, andere die Oberfläche der Blätter (Epiphyllen). Unzählbar sind aber auch die phanerogamen Blüthenpflanzen, die sich an diese epiphytische Lebensweise gewöhnt haben; viele Arten nehmen sie nur gelegentlich an, die meisten aber beständig. Sehr oft begegnen wir complicirten Gesellschaften von Epiphyten. Niedere Algen wohnen auf Moosen und Farnen, diese auf kleinen Blüthenpflanzen, die ihrerseits sich auf größeren ansiedeln. Man beschreibt oft diese Ansiedler als "Schmarotzer"; allein echte "Parasiten" sind nur diejenigen, welche von ihren Wohnpflanzen nicht nur Wohnung, sondern auch Nahrung beziehen.

Den Reichthum des Urwaldes an Epiphyten sieht man am besten, wenn ein alter Baum zusammen gebrochen oder vom Sturm umgerissen ist. Um die Hunderte von verschiedenen Pflanzenarten, die sich in vielen tausend Exemplaren auf demselben angesiedelt haben, von einander zu sondern und zu ordnen, würde man mehrere Tage, um sie zu studiren und zu bestimmen, mehrere Wochen brauchen. Das gilt zunächst nur von den größeren, mit bloßem Auge leicht zu unterscheidenden Formen. Wenn man aber erst mit Lupe und Mikroskop auch alle die kleinen und kleinsten Formen bestimmen wollte, die einzelligen Urpflänzchen (Protophyten), die winzigen Algen, Pilze, Flechten und Moose, die in den unzähligen Lücken der Rinde und des Holzes, zwischen den Blättern und Wurzelfasern versteckt sind, so würde eine noch viel längere Zeit dazu erforderlich sein. Ein einziger solcher Urwaldbaum beherbergt eine ganze Flora; und dieser Flora entspricht eine ebenso reiche epiphytische Fauna, zusammengesetzt aus mehreren hundert Arten von Insecten, Spinnen, Tausendfüßen, Schnecken, Würmern u. s. w.

Die mächtige Entwicklung der Epiphyten im tropischen Urwalde, mit der die schwache Ausbildung derselben in unseren europäischen Wäldern gar nicht zu vergleichen ist, hängt zusammen mit ihren ganz verschiedenen  D u r c h l e u c h t u n g s-Verhältnissen und mit dem dadruch bedingten Streben nach möglichster Ausnutzung des Raumes. In unseren schönen deutschen Buchenwäldern ist der Boden oft ausschliesliche mit dem abgefallenen rothen Laube bedeckt. Die wenigen kleinen Pflänzchen, die isch daraus erheben, suchen vergeblich einen der schwachen Lichtstrahlen zu erhaschen, welche oben durch das dicht geschlossene grüne Blätterdach brechen. Der weite Schattenraum zwischen den aufstrebenden hellen Säulenstämmen bleibt leer. In dem mystischen Halbdunkel dieser "heiligen Hallen" empfinden wir die ganze Herrlichkeit unseres deutschen Hochwaldes. Und dasselbe gilt von den dichten Beständen unserer schönsten Tannenwälder, wo noch tieferes Dunkel herrscht und der ganze Waldboden mit hoch aufgeschichteten Tannennadeln gepolstert ist; hier finden wir kein Unterholz, nur hier und da ein bescheidenes kleines Pflänzchen, das sich mit diesem einsamen Schattenstand begnügt.

Ganz anders im tropischen Urwald, wo das "Unterholz" ein hohes, undurchdringliches Dickicht bildet und mehr als tausend verschiedene Pflanzenarten über und durch einander wachsen, jeden Kubikmeter Raum ausnutzend. Unten am Boden wie über demselben, zwischen den Sträuchern und Stämmen und hoch oben in den Kronen der Bäume, finden wir die denkbar größte Raumausnutzung. Der ausgezeichnete Monograph der javanischen Natur, der deutsche Arzt  J u n g h u h n, hat diese Erscheinung in dem Satze ausgedrückt, daß der Urwald einen "Abscheu vor dem leeren Raume" habe, einen horror vacui. Als die Ursachen derselben erkennen wir einestheils die dürftigere Belaubung der Baumkronen und anderentheils die stärkere Durchleuchtung des ganzen Waldes. Die Strahlen der senkrecht durchfallenden Tropensonne bedingen nicht allein an sich eine viel größere Lichtfülle, sondern sie dringen, wegen der spärlicheren Blattentwicklung in den Baumkronen, leichter nach unten in die Tiefe und liedern Licht genug, um auch unten am Boden die üppigste Vegetation zu ermöglichen. Wir finden daher auch in den meisten tropischen Urwäldern nicht jenes "tiefe Dunkel", welches in poetischen Schilderungen derselben eine Rolle spielt, sondern vielmehr ein eigenthümliches gebrochenes "Helldunkel", zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Lichtstrahlen, die zwischen den Bäumen, Aesten und Blättern hindurch ihren Weg bis zu Boden finden. Von der glatten Oberfläche der glänzenden Blätter werden dieselben stark reflectirt.

In auffallendem Gegensatze zu der schwächeren Laubentwicklung steht die viel stärkere  H o l z b i l d u n g  des Urwaldes. Zahlreiche Pflanzengattungen, die in unserer gemäßigten Zone nur durch krautartige Pflanzen vertreten sind, erscheinen hier als Sträucher oder Bäume mit holzigem Stamme. Am auffallendsten ist dies bei den  L i a n e n, die auf die besondere Physiognomie des Urwaldes einen so bestimmenden Einfluß üben. Wir fassen hier unter dem Begriffe "Lianen" alle kletternden und klimmenden, rankenden und schlingenden, würgenden und windenden Pflanzen zusammen. In unserem Mitteleuropa ist deren Zahl und Massenentwicklung überhaupt sehr beschränkt, und nur wenige Gattungen haben verholzte Stengel, wie der Epheu, die Waldrebe, das Gaisblatt. In den Tropen dagegen treffen wir mehr als zweitausend verschiedenen Lianenarten an, und die große Mehrzahl derselben hat verholzte Stämme.

Die "L i a n e n b ä u m e" spielen in der landschaftlichen Physiognomie des tropischen Urwaldes namentlich deshalb eine so hervorragende Rolle, weil ihre holzigen Stämme meistens nackt und unbeblättert zu beträchtlicher Höhe an anderen Baumstämmen emporsteigen und erst hoch oben ihre Blätter und Blüthen entfalten - meistens in so schwindelnder Höhe, daß der unten stehende Beobachter in dem grünen Blätterdach des durchflochtenen Zweige, Blätter und Blüthen des Lianenbaumes und des Stützbaumes, an den er sich anlehnt, gar nicht unterscheiden kann. Der Durchmesser dieser nackten, aber oft mit Moosen, Farnen und anderen Epiphyten dicht bedeckten Lianenbäume steigt von wenigen Millimetern bis zu 20-30 Centimetern und darüber, während ihre Länge mehr als 100 Meter erreichen kann. Ein typisches Riesenexemplar einer solchen colossalen Baumliane steht unten in Beutenzorg gleich reichts hinter dem Haupteingang des botanischen Gartens, die berühmte Entada scandens, eine Leguminose. Aber auch oben im Urwalde von Tjibodas begegnen wir überall, zwischen Tausenden von dünneren Lianentauen, stärkeren Stämmen, die 10-15 Centimeter oder mehr dick sind, sich dennoch in kühnen Bogen von einem Stützbaum zum anderen schwingen und deren Aeste spiralig umwickeln, als ob sie dünne Reben wären. Zwischen den aufstrebenden Stämmen der Baumlianen erblicken wir allenthalben andere, die von den Zweigen der Stützbäume wie Luftwurzeln herabhängen. Viele Lianenstämme gleichen Schiffstauen, indem sie, schnurgerade ausgespannt, in schräger Richtung zu dem senkrechten Säulenmalst des Stützbaumes empor streben. Andere schwingen sich in anmuthigen Bogen von einem Mast zum anderen. Sind diese Guirlanden dann mit Vogelnestfarnen und anderen Epiphyten oder gar mit blühenden Orchideen geschmückt, so ergeben sich reizende Decorationen für den Vordergrund eines Urwaldbildes. Einmal sah ich eine ganze Affenherde, gleich einer wohl dressirten Akrobaten-Gesellschaft, in langem Gänsemarsch über einen solchen hoch gespannten Lianenbogen voltigiren, - ein höchst amüsantes Bild. Stürzen nun später die tragenden Stützbäume zusammen oder brechen ihre Aeste ab, so können sie, zugleich mit den Lianenkabeln, die ganze Gesellschaft von Epiphyten auf den Boden hinabnehmen, und das gibt wieder Veranlassung zu neuen Combinationen von Formen in dem wirren, phantastischen Gestaltenchaos des Urwaldes. Unten am Waldboden lieben dann oft die Lianenstricke, in vielen Schleifen und Windungen locker zusammengerollt, über und durch einander, gleich den Windungen eines aufgezogenen Ankertaues.

Die auffallende Aehnlichkeit, welche die ausgespannten und gewundenen Baumlianen mit Schifftauen und Kabeln besitzen, wird dadurch noch erhöht, daß sie, gleich diesen, aus vielen einzelnen, um die Achse gedrehten Strängen zusammengesetzt erscheinen. Thatsächlich ist auch die innere Structur oft dieselbe. Wie bei einem dicken Ankertau sind viele Faserbündel derart um die Achse spiralig gewunden, daß gleichzeitig ein hoher Grad von Festigkeit und von Biegsamkeit erreicht wird. Diese Elasticität und Dehnbarkeit ist deshalb sehr wichtig, weil die Festigkeit der Lianen bei den Bewegungen der Stützbäume (besonders beim Sturme) stark in Anspruch genommen wird. Viele Lianen enthalten auch weite, mit Wasser gefüllte Röhren, so namentlich die großen Stämme des kletternden "wilden Weines" (Vitis, Cissus). Dieses Lianenwasser ist gewöhnlich ganz rein, bakterienfrei und trinkbar. Es liefert mitten im Urwalde, wo man kein genießbares Wasser findet, ein vortreffliches, erquickendes Getränk, wie ich mich selbst öfters überzeugte. Wenn man einen solchen starken Lianenstamm einfach mit dem javanischen Hackmesser durchschneidet, so fließt in der Regel wenig Saft aus den Schnittenden. Wenn man aber 1-2 Meter oberhalb nochmals durchschneidet und dann das ausgeschnittete Stammstück senkrecht hält, so fließt eine überraschende Menge Wasser aus seinen Holzröhren. Aus einem Stück von ungefähr 2 Meter Länge und 6-8 Centimeter Dicke erhielt ich etwa ein Liter erfrischenden, reinen Trinkwassers.

Das Wasser in den zahlreichen kleinen Bächen, die den Urwald von Tjibodas durchrauschen, ist meistens stark verunreinigt durch die Erde und die Pflanzenteilchen, welche beständig von den abfallenden Aesten und Blättern in dasselbe hineingelangen. Größere Ansammlungen von stehendem Wasser sind bei der starken Neigung der abfallenden Gedeh-Abhänge selten. Trotzdem ist der Urwald, da fast täglich Nachmittags (und oft auch in der Nacht) mächtige Regengüsse niederstürzen, überaus wasserreich. Sobald Abends die Lufttemperatur sinkt und der Wasserdunst sich verdichtet, dampft der ganze Waldboden; seine dicke Humusdecke, auf welcher die abfallenden Blättermassen und die wuchernden Moospolster sich schichtenweise über einander ablagern, saugt die Wassermassen wie ein Schwamm auf. Früh Morgens tropft der ganze Urwald von blinkendem Thau, und wenn man durch das dichte Unterholz geht, ist man in wenigen Secunden völlig durchnäßt. Dagegen erscheinen die Oberflächen der meistens lederartigen Blätter Tags über trocken; das auffallende Regenwasser fließt über ihre schief geneigte, glatte Fläche leicht ab. Bei sehr vielen Laubblättern hat sich zur Beförderung des Abflusses eine besondere Einrichtung entwickelt, die wir auch bei Pappeln und einigen anderen bei uns einheimischen Pflanzen finden: die Blattspitze läuft in eine fadenförmige Verlängerung aus. Mein lieber College und Freund Ernst Stahl, Professor der Botanik in Jena, der vor zehn Jahren diese und andere bionomische Einrichtungen im Urwalde von Tjibodas zuerst eingehend studirte, hat jene verlängerten Blattspitzen, von denen das Regenwasser rasch abträufelt, die "Träufelspitzen" genannt und auf ihre große physiologische Bedeutung für den Stoffwechsel der Pflanze hingewiesen. Durch die rasche Abtrocknung der Blätter wird deren baldige Transpiration ermöglicht, die Abgabe von Wasserdampf und die Aufnahme von Bodenwasser, welches die Nährsalze des Bodens den Blättern zuführt. Besonders stark ist die Ausbildung der Träufelspitze an den großen Blättern vieler Aroideen, Orchideen, Scitamineen und anderer Monokotylen, aber auch bei vielen Dikotylen, z. b. den Begonien, vielen Arten von Cissus und Ficus (namentlich dem indischen Buddhabaum, Ficus religiosa u. A.).

Unter den weiteren Ausflügen, die ich von Tjibodas aus in den Urwald unternahm, steht mir in angenehmer Erinnerung der Besuch von Tjiburrum (= Rothenbach). Am 4. Januar 1901 brach ich mit Dr. Palla früh Morgens in Begleitung von mehreren Kulis auf; wir gelangten nach zwei Stunden, in denen viel botanisirt wurde, nach dem westlich höher gelegenen Tjiburrum. Das ist ein einfacher Thalkessel am Fuße des Pangerango-Vulkans, westlich und nördlich von 130 Meter hohen Felswänden eingeschlossen, die beinahe senkrecht sich erheben. Ueber diese stürzen drei prächtige Wasserfälle herab, die sich unten größtentheils iin Staub auflösen. Die größte von diesen drei Cascaden (südlich) erinnert and den "Staubbach" im Lauterbrunner Thal. Der

Fig 30:  D e r   m i t t l e r e   W a s s e r f a l l   v o n   T j i b u r r u m .

schönste Wasserfall ist der mittlere, eingerahmt von dichten Vegetationsmassen; sein Wasser sammelt sich unten in einem Becken, das von großen Felsblöcken umgeben ist. Der kleinste Fall (nördlich) ist fast völlig durch Bäume und Buschwerk verdeckt. Der ganze Thalgrund, in welchem sich die Abflüsse der drei Cascaden sammeln, und aus welchem der "Rothenbach", wild über rothbraune Felsblöcke tosend, abfließt, ist mir herrlichen Farnbäumen und wilden Bananen bewachsen. Mächtige, braune und schwarzgrüne Moospolster bedecken die Felsen und die modernden Stämme. Der graziöse Vogelnestfarn decorirt mit seinen glänzenden, oben beschriebenen Kronen alle Baumstämme; viele Exemplare wachsen auch unten am Bache. Eine Masse anderer Farne und Moose füllen die Lücken aus und gedeihen unter dem beständigen Sprühregen der Wasserfälle in reichsster Ueppigkeit. An der erhabendsten und (relativ) trockendsten Stelle des nassen Thalbodens sind ein Tisch und eine Bank errichtet, welche mir gestatteten, ein paar Stunden trocken zu sitzen und zwei Aquarellskizzen von den Wasserfällen aufzunehmen, während mein Gefährte in der Umgebung botanisirte. Der Reiz dieser märchenhaft schönen und großartigen Urwaldscenerie wird dadurch erhöht, daß über den Wasserfällen und zu beiden Seiten derselben die dunkelgrünen Waldhänge des Pangerango hoch emporsteigen, während die tiefe Einsamkeit des Ortes durch das ewige Plätschern der Bäche und das Rauschen der Wasserfälle in poetischer Weise belebt ist. Dann und wann hörte ich auch den Schrei eines einsamen Vogels und den klagenden Ruf des Oa, des grauen javanischen Menschenaffen (Hylobates leuciscus).

Gegen Mittag trennte ich mich schweren Herzens von dem Tjiburrum. Allein die dunklen Gewitterwolken, die der Vulcankegel des Pangerango schon lange um sich gesammelt hatten, sanken immer tiefer und drängten zum schleunigen Aufbruch. Auf dem Rückwege sammelte ich noch Prachtexemplare der rothen  K a n n e n p f l a n z e, die hier am Ufer des Rothenbaches üppig wuchert (Nepenthes melamphora). Jedes einzelne Blatt derselben läuft in eine Spitze aus, an der ein sehr zierliches, kleines Bierseidel hängt, eine cylindrische Kanne von 12 Centimeter Länge und 3 Centimeter Durchmesser. Die nach oben gerichtete Oeffnung der Kanne ist von einem Deckel geschlossen, der erst bei voller Entwicklung des Blattes aufspringt. Ameisen und andere Insecten, welche unvorsichtig in die Kanne eindringen und ihren innen ausgeschiedenen Saft genießen wollen, können zwar leicht an der glatten, wie mit Wachs gebohnten Innenfläche hinein, aber nicht wieder hinaus gelangen; sie fallen in den Grund der Kanne und werden hier von der ausgeschiedenen schleimigen Flüssigkeit verdaut. Nepenthes gehört zu jener merkwürdigen Gruppe von "i n s e c t e n f r e s s e n d e n   P f l a n z e n", über deren wunderbare Anpassungen uns erst der große Charles Darwin belehrt hat; sie sind in unserem deutschen Vaterlande nur durch kleinere und zartere Pflanzen verschiedener Familien vertreten, den Sonnenthau (Drosera), das Fettkraut (Pinguicola) und den Wasserschlauch (Utricularia). Unter den zahlreichen kleineren und größeren Arten von Nepenthes, welche die indische Flora charakterisieren, gibt es einzelne, deren Kannen über fußlang werden. Die rothe Kannenpflanze des Tjiburrum (Nepenthes melamphora) zeichent sich durch ihre prächtige Färbung aus: dunkel purpurrothe und braune Flecken auf einem hellen Grunde, dessen gelber Grundton durch die zartesten Abstufungen in Hellgrün und Hellroth übergeht. Die abgestorbenen Kannen werden purpurbraun und dann schwarz. Ich habe davon ein sorgfältig ausgeführtes, möglichst naturgetreues Bild gemalt, das ich in einem der nächsten Hefte meiner "Kunstformen der Natur" veröffentlichen werde.

Während ich die Nepenthes und einige schöne Farnkräuter am Ufer des Rothenbaches sammelte, hörte ich hoch oben über mir abermals den wohlbekannten Schrei des Oa. Als ich hinauf blickte, sah ich hoch oben im Wipfel eines Rasamalah-Baumes zwei erwachsene Exemplare dieses Gibbon, die sich mit größter Gewandheit von Ast zu Ast schwangen und rasch im Dickicht des Urwaldes verschwanden. Da diese Thiere äußerst scheu un vorsichtig sind, bekommt man sie selten zu Gesicht, während man ihren Schrei häufig hört. In Beutenzorg hielt ich einen jungen Oa seit zwei Monaten lebend und werde später darüber berichten.

Größere  S ä u g e t h i e r e  sieht man überhaupt in den Urwäldern von Java - so weit sie zugänglich sind - nur selten. Königstiger und Rhinozeros, die beide früher auch hier am Gedeh und Salak häufig waren, sind längst verschwunden und haben sich in unzugängliche Districte zurückgezogen. Der Bergsattel oberhalb von Tjiburrum, zwischen Gedeh und Pangerango, von dem aus man die Besteigung dieser beiden Vulcanspitzen unternimmt, heißt noch heute "Kadang badak", das Rhinozeros-Lager. Ich hätte die Besteigung gern ausgeführt; sie erschien aber jetzt, auf der Höhe der Regenzeit, zwecklos, da man oben auf jenem Sattel übernachten muß; jeden Nachmittag stellte sich strömender Gewitterregen ein, und nicht einmal die Spitzen beider Vulcane waren jeden Tag auf kurze Zeit wolkenfrei.

Von anderen Säugethieren des javanischen Urwaldes habe ich nur noch zwei Arten von Affen zu Gesicht bekommen, den gemeinen, überall häufigen, gelbbraunen Macaco (Macacus cynomolgus) und den schwarzen Lutung (Semnopithecus maurus); ferner ein paar Arten von Eichhörnchen und von Fledermäusen. Die Wildschweine, die in diesen Wäldern häufig sind, habe ich zwar öfter gehört, aber nie gesehen, ebenso wenig Hirsche und Moschushirsche (Tragulus javanicus). Die großen Flederfüchse, Kalongs oder fliegenden Hunde (Pteropus), die zu anderen Jahreszeiten in Scharen erscheinen, fehlten jetzt. Von Nagethieren wurde mir ein paarmal das javanische Stachelschwein gebracht, weniger schön und stattlich als unsere südeuropäische Art. Den Panther habe ich nicht gesehen und ebenso wenig den Zwergpanther (Felis minuta), der nicht größer als eine Wildkatze ist und oben in den Bäumen, sehr geschickt kletternd, Eichhörnchen und Vögel jagt. Dagegen erblickte ich in den Baumgipfeln mehrmals den kletternden Palmenmarder (Paradoxurus musanga).

Von  V ö g e l n  habe ich in diesen Urwäldern öfter prächtige bunte Waldtauben bemerkt, deren Gurren man am Vormittage täglich vernimmt, einmal auch ein paar schöne, grüne Papageien. Bisweilen tönt aus der Ferne der Glockenton des javanischen Kuckucks. Am Tjiburrum erspähte ich hoch oben ein Adlerpaar kreisen. Früh Morgens hört man schon gleich nach Sonnenaufgang die Stimmen verschiedener Singvögel, ohne sie zu sehen. Sonst ist es im Ganzen in diesen Bergwäldern sehr still. Die Eidechsen sind durch einen braungelben Leguan (Calotes) vertreten, dessen chamäleongleicher Farbenwechsel nicht weniger lebhaft ist als derjenige der verwandten grünen Art in Beutenzorg. Schlangen waren selten. Von Amphibien fing ich öfter einen großen, braunen Frosch, ausgezeichnet durch zwei spitze, dreieckige Hautlappen, die sich über den Augen wie Hörner erheben. Fisch konnte ich in den rasch fließenden Gebirgsbächen nciht entdecken.

Auch das  I n s e c t e n leben machte sich im kühlen Urwalde von Tjibodas bei Weitem nicht so laut und so auffallend bemerkbar wie tausend Meter tiefer im warmen Beutenzorg. Je weiter man am Vulcan hinauf steigt, desta weniger tritt dasselbe hervor. Bei genauerem Suchen findet man zwar überall zahlreiche Arten von Käfern, Schmetterlingen, Fliegen, Heuschrecken, vor Allem Massen von Ameisen und Termiten. Aber Schmetterlinge und andere Insecten, die sich durch besondere Größe und Färbung auszeichnen, sind nicht häufig. Von größeren Tagfaltern nahm ich bloß ein halbes Dutzend Arten wahr; eine von diesen saß häufig auf den braunen Waldwegen, deren schützende Farbe sie genau nachahmte. Ebenso war von  S p i n n e n  nicht viel zu sehen. Einige kleinere Arten fielen durch seltsame Gestalt des querbreiten, mit harten Stacheln bewehrten Chitinpanzers auf (Acanthosoma).

Eine unangenehme alte Bekanntschaft, die mir vor neunzehn Jahren in Ceylon den Aufenthalt im Walde verdarb, traf ich auch im Urwalde von Tjibodas wieder, die Landblutegel, hier Padjet genannt; sie sind jedoch weit seltener als dort. Wir wurden gleich am ersten Tage von ihnen angefallen, schützten uns dann aber gegen ihren Biß erfolgreich dadurch, daß wir uns vor dem Waldgang die Unterschenkel mit dem stark duftenden Nelkenöl einrieben.

Im großen Ganzen trägt das Thierleben überhaupt im indischen, westlichen Theile des malayischen Archipels bei Weitem nicht den interessanten und auffallenden Charakter wie im australischen, östlichen Theile. Die eingehenden Untersuchungen über diese Erscheinung und ihre Ursachen, die zuerst vor vierzig Jahren  A l f r e d   W a l l a c e  in seinen ausgezeichneten Werke angestellt hat, sind in der Hauptsache von allen neueren Forschern bestätigt, wenn auch im Einzelnen vielfach modificirt worden, so neuerdings besonders von  M a x   W e b e r  und von meinen beiden trefflichen Schülern, den Jenenser Professoren  R i c h a r d   S e m o n  und  W i l l y   K ü k e n t h a l.

Die wundersame, weltabgeschiedene Einsamkeit von Tjibodas, das ungestörte und ungefährdete Leben im unberührten Urwalde, das anregende und hoch interessante Studium seiner Erzeugnisse im anstoßenden Laboratorium, das erquickende, kühle Klima, der herrliche Blick in die grünen Thäler und auf die blauen Grenzgebirge des entfernten Unterlandes, das bequeme und behagliche Leben in dem einfachen Stationshause - das alles zusammen übt auf den Naturforscher und Naturfreund schon nach einigen Tagen einen ganz eigenen, märchenhaften Reiz aus. Semon, Haberlandt, Graff und Andere haben diesen Empfindungen dankbaren Ausdruck gegeben. Was mich selbst betrifft, so fand ich hier einen meiner sehnsüchtigsten Jugendträume in schönster Form erfüllt, und ich werde meinem verehrten Freunde, Professor Treub, immer dafür dankbar bleiben, daß er mich dieses zauberhafte, von ihm zugänglich gemachte Urwald-Paradies in angenehmster Form hat genießen lassen. Die zwanzig Aquarellskizzen, die ich von dort mitnahm, werden mich immer lebendig an jene "zehn glücklichen Tage" erinnern.

Uebrigens will ich nicht das materalistische Geständniß unterdrücken, daß an der Wärme dieser Erinnerungen auch die vortreffliche culinarische Verpflegung betheiligt ist, die mir mein edler Gastfreund hier oben zu Theil werden ließ. Er hatte seine alte malayische Köchin mit hinauf geschickt, die ihre erstaunliche Erfahrung in der feineren französichen Küche (wie in der landesüblichen "Reistafel") hier oben unter erschwerenden Umständen ebenso glänzend leuchten ließ wie unten im warmen Beutenzorg. Ein Hôtel giebt es zum Glück in Tjibodas nicht. Fremde Besucher müssen ihren Proviant mitbringen. Ständig dort arbeitende Naturforscher vereinbaren die Beschaffung ihres einfachen Unterhaltes mit dem Gärtner, der täglich Lebensmittel aus dem eine Stunde entfernten Sindanglaja holen läßt.

Den Sylvesterabend 1900, den letzten Tag des scheidenden Jahrhunderts, verschönte uns der gütige Himmel dadurch, daß er ausnahmsweise seinen üblichen Gewitterregen schon um 4 Uhr Nachmittags aufhören ließ, und daß diesem ein herrlicher Abend folgte; der ganze Himmel war mit phantastischen Wolkenzügen von den zartesten Farbentönen bedeckt, und die scheidende Sonne vergoldete die Rauchwolke, die aus dem Gedehkrater aufstieg, so wunderbar schön, daß ich noch in der letzten Viertelstunde des Sylvestertages in aller Eile eine Aquarellskizze davon entwarf. Den Abend saßen wir traulich bei einer Fleische Rheinwein beisammen; wir gedachten mit Dankbarkeit und Stolz der unermeßlichen Fortschritte in der Erkenntniß der Natur und der natürlichen Wahrheit, welche durch die vereinten Bemühungen unzähliger trefflicher Forscher in dem scheidenden 19. Jahrhundert errungen worden sind. Blicken wir auf den primitiven Zustand unserer allgemeinen Weltanschauung im Beginne dieses "Jahrhunderts der Naturwissenschaften" zurück, auf die rapide Entwicklung namentlich der biologischen Forschung seit der Mitte desselben, so dürfen wir sagen, daß wir an seinem Ende uns der Lösung der großen "Welträthsel" in einem Maße genähert haben, das in seinem Anfang nicht geahnt werden konnte.

Auch der Beginn des 20. Jahrhunderts machte in Tjibodas ein sehr freundliches Gesicht. Als ich in früher Morgendämmerung, gleich nach 5 Uhr, auf die östlich gelegene Anhöhe hinaufstieg, um die aufgehende Sonne zu begrüßen, war der Himmel fast ganz klar, und die Fernsicht auf die grünen Ebenen und blauen Berge der Preanger-Regentschaft leuchtete verheißungsvoll. Nicht nur der dampfende Krater des Gedeh, sondern selbst der gewöhnlich verhüllte Gipfel des Pangerango war völlig wolkenfrei. Als ich um 8 Uhr zum Stationshause hinabstieg, überraschte mich dort, als besondere Neujahrsfreude, der Besuch eines alten Freundes, der Herrn  v o n   R a u t e n f e l d  aus Riga. Derselbe hatte im Sommer des verflossenen Jahres die berühmte Belagerung von Peking mitgemacht, wo er als erster Secretär von Sir Robert Hart seit längerer Zeit im Dienste des Zollamtes thätig gewesen war. Um sich von den ungeheuren physischen und moralischen Strapazen dieses denkwürdigen Kriegsdramas zu erholen, hatte er einen zweijährigen Urlaub nach Europa genommen. Auf einer mehrstündigen Vormittagswanderung durch den

Fig. 31. Z a n n o n i a   m a c r o c a r p a, ein kletternder Lianenbaum, dessen große Früchte an langen Schnüren herabhängen und viele geflügelte, Schmetterlingen ähnliche Samen enthalten.
Urwald konnte ich ihm die zahlreichen hier zusammengehäuften Naturwunder zeigen und erklären; bei seiner lebhaften und feinen Natur-Empfindung ein hoher Genuß.

Ehe mein Freund Nachmittags sein Pferd bestieg, um nach Sindanglaja hinabzureiten, leistete er uns noch angenehme Gesellschaft beim Mittagsmahl. Er machte dabei viele sehr interessante Mittheilungen über die denkwürdigen Einzelheiten der Vertheidigung der in Peking eingeschlossenen Europäer. Er selbst hatte Wochen lang die schwersten Entbehrungen zu erdulden gehabt und durch Einäscherung seines Hauses seine große, werthvolle Bibliothek verloren, sowie eine ausgezeichnete Sammlung von Naturalien, von historischen und ethnographischen Merkwürdigkeiten. Was den Ausgang der chinesischen Wirren und die zukünftige Gestaltung des Verhältnisses von Europa zu Ostasien betrifft, so neigte er, auf Grund genauer Sachkenntniß, jener pessimistischen Beurtheilung zu, welche die meisten gründlichen Kenner von China mit Sir Robert Hart theilen.

Am 7. Januar machte ich noch den Versuch, von unten her in der tiefen, waldigen Schlucht von Tjibodas weiter hinaufzusteigen. Allein das reißende Wildwasser des Weißenbaches war zu stark angeschwollen, um in demselben über das wüste Geröll der angehäuften Feldblöcke vordringen zu können. Durch das Lianengewirr in dem dichten Urwalde, der die beiden steil ansteigenden Wände der wilden Schlucht bedeckt, sich durchzuarbeiten, war ganz unmöglich. So mußte ich mich damit begnügen, in einem Aquarell den Charakter dieser großartigen Scenerie festzuhalten.

Am Nachmittage desselben Tages packten wir unsere Sachen und Sammlungen zusammen, und in der Frühe des 8. Januar nahmen wir Abschied von dem uns so lieb gewordenen Tjibodas. Niemand war froher als unsere Diener und Kulis auf Beutenzorg. Sie sind nur höchst ungern einige Tage hier oben in dem einsamen Waldgebirge; nicht allein, weil sie elend frieren und keine Unterhaltung finden, sondern namentlich, weil sie sich vor den bösen Geistern im Urwalde wie Kinder fürchten. Gegen 6 Uhr brach unsere kleine Karawane auf, und schon nach 7 Uhr waren wir unten in Sindanglaja. Hier trennten sich unsere Wege; Professor Treub und Dr. Palla kehrten nordwärts über den Puntjakpaß nach Beutenzorg zurück; ich fuhr südwärts nach der Eisenbahnstation Tjandjur, um von da meine Reise nach Mittaljava anzutreten.


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