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Italienfahrt - Ernst Haeckel

? ?. 1859

Brief Nr. 29

(Aus einem Zirkularbrief an die Freunde.)

Unvergeßlich wird mir jene herrlichste Nacht bleiben, in der wir in einer kleinen Fischerbarke nebeneinander ausgestreckt jene prächtige Fahrt unternahmen. Eine Beleuchtung verschiedenster Art, wie man sie nur in Neapel ähnlich haben kann. Über uns der klarste Sternenhimmel, von dem die Sternenlichter aus tiefstem Blau durch die ätherklare Luft wie feurige Pfeile herabschossen - am Strande die unendliche Reihe blinkender Laternen, die sich an dem ganzen weiten Hellrund des Golfes von Neapel, vom Posilipp durch die Villa reale, Ischia, längs der S. Lucia und des ganzen weiten Hafens, bis Resina und Portici und weiterhin bis Torre dellī Annunziata, wie die zusammenhängende Lichterreihe einer einzigen ungeheuren Straße herumziehen, dazu das Meer kleiner Lichterchen, die sich durch die Stadt an den Hügeln hinauf bis zum Castel Elmo und S. Martino heraufwinden, dann entgegen auf dem Wasser die roten Pechfackeln der Fischer, die die Kalamare harpunieren und dazwischen die bunten Laternen der englischen und französischen Kriegsdampfer, die die neapolitanische Hauptstadt beständig bewachen. Als ganz besonderes Extrafeuerwerk kommt nun zu all der Illumination noch die kolossale Schlange von rotglühender, immer weiter herabwallender Lava, welche an dem mittleren Dritteil des mächtigen Vesuvkegels in vielen Windungen herabkriecht; dahinter ging später noch die glühende Vollmondscheibe auf, welche uns das wunderherrliche Schauspiel noch mit größerer Deutlichkeit betrachten ließ. Endlich fing auch noch die See prächtig zu leuchten an: lange Streifen grünlich schimmernden Feuers krönten den Kamm der Woge, die die Schiffskiel durchschnitten hatte, und jeder Ruderschlag brachte einen strahlenden Lichtstern im Wasser heran, so daß also alle vier Elemente wetteiferten, uns durch ihr verschiedenes Licht zu entzücken: Wasser und Erde, Luft und Feuer! -

Unvergeßlich werden mir auch die höchst genußreichen acht Tage auf der Insel Ischia selbst bleiben, wo eine Fülle ungeahnter, herrlicher Naturgenüsse sich uns erschloß und wo sich in dem gemeinsamen, doppelten Genießen die Bande unserer Freundschaft knüpften. Ischia und Capri bleiben für mich die reizendsten, reichsten und originellsten Erdenwinkel, die ich auf der ganzen Reise besehen, und wenn irgendwo (außer den deutschen Gebirgen), möchte ich auf einer dieser beiden seligen Inseln die Worte anschreiben: "Ille terrarum mihi praeter omnes angelus redet!" Capri hatte ich schon vorher auf einer kleinen Exkursion vom 1.-3. Mai kennengelernt. Capri ist viel kleiner und hat daher den Vorzug, sich viel mehr als ein zusammenhängendes Ganzes studieren zu lassen: man lernt alles Einzelne genauer kennen und in Zusammenhang bringen. Auch ist es noch schöner, origineller und wilder. Ischia dagegen ist reicher und mannigfaltiger, hat eine viel größere Fülle reicher, südlicher Vegetation, schöne, höchst eigentümliche Städte und Bewohner, die zum Teil ihre halb griechische, halb maurische Abstammung in Sprache, Sitte und Tracht noch deutlich erkennen lassen. Die hohen vulkanischen Gebirge Ischias sind teils mit üppigen Fruchtfeldern und Weingärten, teils mit dichten schönen Wäldern bedeckt, und nirgends in Italien habe ich so wie hier in der ganzen reichen Fülle der südlichen Vegetation geschwelgt und mich ihrer eigentümlichen Pracht erfreut. Namentlich sind es die tiefen, senkrecht in den Lavaleib des Epomeo hineingehenden Klüfte, welche mir in dieser Beziehung die reichste Ausbeute lieferten. Das verwitterte vulkanische Gestein, das ohnehin schon eine außerordentliche Fruchtbarkeit erzeugt, wird durch die heißen Quellen, die dem Innern des Berges entströmen, noch fruchtbarer und fetter gemacht, und der den ersteren beständig entsteigende Wasserdampf, der nur langsam aus der eng geschlossenen Kluft entweicht, macht aus dieser ein förmliches Treibhaus mit tropischem Klima. Vor allem sind es die Farnkräuter, an denen dieser subtropische Einfluß bemerkbar ist. Überall von den Rändern und Spalten der Kluft hängen prachtvolle, mannslange Wedel Woodwardsia radicans herab, dazwischen die seltene Pteris langifolia. Auch das überaus zierliche Venushaar (Adiantum capillus Veneris) das reizendste aller Farnkräuter, das die Felsen und Grotten Italiens überall aufs zierlichste bekleidet, habe ich nirgends in solcher Fülle und Größe wie hier entwickelt gefunden. Dazwischen hängen prächtige, blaue Glockenblumen, weißblühender Kapernstrauch und rotblütige Brombeeren vom treifenden Felsen herab, und würzige Labiaten erfüllen die Luft mit aromatischem Duft. Die nackten, sonnverbrannten Tuffseiten des höheren Epomeogürtels sind mit einer Zone schönblühender, immergrüner Halbsträucher, meist Erikazeen, bedeckt,und alle Schluchten und Hügel bergen eine Fülle seltener und merkwürdiger Pflanzen, von denen eine große Artenzahl diesem merkwürdigen Eiland ausschließlich eigen ist.

Zu den besonderen Naturmerkwürdigkeiten Ischias gehören nächst jenen halb unterirdischen Schluchten die große Anzahl heißer Quellen, die überall dem Boden entsprudeln, einige selbst am Meeresstrand und sogar unter der Oberfläche, so daß nur die zurückweichende Woge momentan das Loch im Sande entblößt, aus dem das kochende Wasser hervorsprudelt. Die Landschaft bietet auf allen Seiten der Inseln, die wir in diesen acht Tagen nach allen Dimensionen durchstreiften, eine Fülle überraschender, charaktervoller Bilder, so daß wir hier zum erstenmal unsere Skizzenbücher tüchtig füllten. Auch einen hübschen Stoß schöner Pflanzen brachte ich in der Reisepresse von Ischia zurück; schon die vorhergehenden, für die zoologischen Studien so ungünstigen Wochen in Neapel hatte ich zu fleißigem Pflanzensammeln benutzt, und auch nachher auf der Penisola wurde noch eine hübsche Anzahl gesammelt, so daß ich die Frühlingsflora von Neapels Umgebung in ihren besten Repräsentanten besitze . . .


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Diese Seite wurde erstellt am 22. Juni 1999