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Italienfahrt - Ernst Haeckel

Capri, 17. 8. 1859

Brief Nr. 39

Liebe Eltern!

Hoffentlich habt Ihr die letzten Briefe, welche ich durch Anne geschickt habe, alle richtig erhalten und werdet daraus ersehen haben, daß ich die letzten Wochen ebenso angenehm, interessant und lehrreich verlebt habe, wie die ganze Zeit, seit ich mit dem trefflichen Allmers zusammen bin, für welchen lieben Freund ich dem günstigen Geschick nicht genug danken kann. Auch die nun nahe bevorstehende Reise durch Sizilien wird durch seine anregende, belehrende Gesellschaft, durch seinen poetischen, frischen Natur- und Kunstsinn doppelten Wert für mich haben, und ich freue mich sehr darauf. Euch wird dieser liebe Gefährte um so willkommener sein, als Ihr mich dadurch in mancher Beziehung mehr gesichert wißt und namentlich vor waghalsigen Abenteuern und Klettereien keine Furcht zu haben braucht. Von der Neigung zu diesen letzteren bin ich durch meine letzte Vesuvexkursion gründlich kuriert und werde nie wieder eine derartige Tour versuchen. Ihr werdet mich vermutlich sehr ausschelten, obwohl ich im Grunde ganz unschuldig daran bin und lediglich der einzige fatale Umstand, daß der arme Allmers durch die übermäßige Hitze so sehr litt und nicht ordentlich marschieren konnte, uns in das ganze Pech hineinritt. Ich hatte genau berechnet, daß wir noch eine Stunde vor Sonnenuntergang oben auf dem Gipfel sein würden, und würde ohne Zweifel, wäre ich allein gewesen, die Exkursion so ausgeführt haben. Nun schleppte sich aber Allmers so langsam fort, trotzdem ich sein Gepäck noch zu meinen beiden Taschen genommen, daß wir erst am Fuß des Kegels, des so schwierig zu erklimmenden obersten (Lava-) Dritteils waren, als die Sonne bereits unterging. Die Schrecken der nun folgenden Nacht werde ich Euch später ausführlich berichten. Ich habe hier alles ganz genau aufgeschrieben; übrigens ist mir jeder einzelne Moment der unendlich langen Nacht so tief in die Seele geprägt, daß ich es wohl nach 50 Jahren noch ebenso genau erzählen könnte wie jetzt; nie hat auf allen meinen Reisen irgendein Ereignis einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, selbst nciht die strapaziösesten und gefährlichsten Gletscherpartien, auch nicht der Sturz in die überschneite Gletscherspalte, wo ja die Todesgefahr nur augenblicklich war. Hier aber drohten die locker aufgehäuften und bei jedem Schritt herabrollenden, mächtigen Lavablöcke jeden Augenblick uns zu zerschmettern, und doch zwang uns die Unmöglichkeit, umzukehren oder auch nur sitzenzubleiben, zum Hinaufklettern. Merkwürdig war mir in dieser beständigen äußersten Spannung, in der uns die drohende Gefahr der Lage in der stockfinsteren Nacht hielt, ohne alle andere Leitung als das Gefühl der zerrissenen und blutenden Hände und Füße, ohne Ahnung des Punktes, auf dem wir uns befanden, des festen Standpunktes, auf den wir unseren nächsten Schritt setzen sollten, zuletzt selbst ohne das tröstende Bewußtsein, wenigstens in der Nähe des Gefährten zu sein - merkwürdig war mir trotz alledem die kalte Objektivität, mit der wir alle einzelnen Punkte dieser höchst gefährlichen Lage abwogen, wie auch Allmers ganz dasselbe Gefühl wie ich hatte, eigentliche Furcht gar nicht, auch nicht, als die trügerische Lava und die falsche Asche unter unseren Füßen nachgaben und wir stückweis herunterrutschten - wohl aber eine energische Anspannung aller physischen und moralischen Kräfte bis zum alleräußersten, bis zu einem Punkte, den ich mir selbst nie vorher zugetraut hatte. Und nun dieses Gefühl, als ich mittelst dieser alleräußersten, fast übermenschlichen Anstrengung endlich doch glücklich oben den Kraterrand erreicht hatte. Ich konnte nur einmal aufjubeln und dann zusammensinken. Ganz glücklich froh wurde ich aber erst, als 4 Stunden nachher der treue Gefährte nachgeklettert kam, um den ich die trübste Besorgnis hatte, als er mir, kaum mehr hörbar, von unten herauf zugerufen hatte: "Ich kann nicht mehr!" -

Ich hätte ihm nicht einmal zu Hilfe eilen können, da jeder Schritt rückwärts hinab unmöglich war und nur uns beide um so sicherer hinabgestürzt hätte. Was war das für eine Freude, als er endlich nach vierstündigem vergeblichen Warten und Rufen (ich war nämlich alle Viertelstunde aus meiner Fumarolengrotte auf den Klippenrand gestiegen und hatte von da aus gerufen und gepfiffen, ohen aber je Antwort zu erhalten) gesund und lebendig erschien und wir uns gerettet in die Arme fielen. Einen glücklicheren Moment habe ich in Neapel nicht erlebt! Die tolle Expedition ist uns übrigens wider Erwarten vortrefflich bekommen; nur waren wir 2 Tage danach noch wie zerschlagen und gerädert; jetzt sind wir aber beide munterer und frischer als je zuvor. In Neapel hat die Geschichte einigermaßen Aufsehen erregt; da es, so häufig man auch mit Führern und Fackeln über das Atrio dei cavalli hinaufsteigt, um den Sonnenaufgang zu sehen, doch noch nicht vorgekommen ist, daß jemand die Ascension allein und ohne Licht auf der steilsten Seite über die nackte Lava versucht hat. Hätte ich das alles vorher wissen können, würde ich es doch nicht gewagt haben, obgleich ich jetzt die interessante Erinnerung an das abenteuerlichste Stück meines Lebens nicht missen möchte. Die Vesuvgeologen selbst konnten sich nicht genügend darüber verwundern. Aber einmal und nicht wieder! Ich bin jetzt merkwürdig vorsichtig geworden . . .


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Copyright 1999 Kurt Stüber.
Diese Seite wurde erstellt am 22. Juni 1999