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Italienfahrt - Ernst Haeckel

Rom, 26. 3. Nachmittag.

Brief Nr. 9

Vor meinem Abschied von der herrlichen alten Stadt muß ich Euch doch noch einen herzlichen Gruß daraus senden, Ihr fernen Lieben! Es wird mir jetzt ordentlich schwer, schon wieder von ihr zu scheiden . . .

Gestern war ich zum letztenmal auf dem Monte Pincio, dem höchsten Punkt des Stadtteils, in dem auch meine Wohnung ist, und sah schon einmal auf alle die Herrlichkeiten herab, die im schönsten Sonnenschein zu den Füßen sich ausbreiteten und mir die vier Wochen des hiesigen Aufenthaltes so äußerst angenehm und genußreich gemacht haben. Rom prangte dazu gestern im vollsten Festtagschmuck; es war das Annunziatafest (Marias Verkündigung), welches eine Menge Landleute in sehr malerischen Trachten in die Stadt gezogen hatte. Auch die päpstliche Funktion, bei der sich die ganze Pracht des höchsten Klerus entfaltete, war sehr malerisch anzusehen. Ich kam zufällig um 1/2 10 Uhr auf den Minervaplatz, als alle die Kardinäle und Bischöfe in ihren goldverzierten Karossen angefahren kamen und in ihren äußerst prachtvollen, buntfarbigen, reich mit Gold und Edelsteinen überladenen Talaren ausstiegen und in die Kirche traten. Um 10 Uhr kam mit seiner goldenen Tiara der Papst selbst, vor dem seine Leibgarde herritt, ein sehr schmuckes Korps in halb mittelalterlicher Rittertracht, aus den Söhnen der vornehmsten Principes und Nobilis gebildet. Wenn man diese höchst raffinierte, weltliche Pracht sieht, die auf größtmöglichsten Effekt und äußerlichen Eindruck berechnet ist, muß man sich wirklich die Augen reiben, um sich zu besinnen, daß dieser prunkhafte, weltliche Herr das rein geistliche Element der Menschheit repräsentieren soll und sich Nachfolger und Statthalter Christi nennt, von dem er wohl die Worte auf der Zunge führt, aber nicht das geringste in seinem ganzen Wesen zeigt. Diese hierarchische Pracht soll den Mittelpunkt einer Religion bilden, deren Wesen in der größtmöglichen Einfalt, Demut, Selbsterniedrigung besteht. Man muß wirklich stark verblendet sein, um in Rom noch an den Papst als Statthalter Christi glauben zu können. So hatte ich noch am vorletzten Tage die beste Gelegenheit, das ganze Truggewebe dieses Götzendienstes zu durchschauen. Die kirchlichen Zeremonien in der Kirche selbst waren langweilig wie immer, und nur der berühmte Chorgesang, der in der Tat sehr voll und schön ist, hatte für mich Interesse. Nun, dieser Popanz wird wohl auch am längsten gedauert haben. Die Naturwissenschaften werden schon dafür Sorge trage, daß er nicht allzu lange mehr figuriert . . .


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Diese Seite wurde erstellt am 21. Juni 1999.