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Italienfahrt - Ernst Haeckel

Rom, 15. 3. 1859.

Brief Nr. 5

Hab den herzlichsten Dank, mein liebstes Schatzchen, und laß Dir einen innigen Kuß geben für Deinen lieben, herzigen Brief, durch den Du mich heute erfreut hast. Ich hatte mich recht nach ihm gebangt und bin nun doppelt froh, zu hören, daß Du munter und guten Mutes bist. Laß Dir Deinen frischen, frohen, freien Sinn nicht nehmen und schau immer recht mutig und hoffnungsvoll in die glückliche Zukunft, die wir beide ja alle Ursache haben, uns als eine recht selige auszumalen . . .

Ich fühle mich hier wie neugeboren und habe in den drei hier in interessantesten Anschauungen verlebten Wochen mir Ideen, Mut, Kraft und Hoffnung für die ganze Reise wie für die ganze weitere Zukunft geschöpft. Könnte ich Dich nur einmal ein paar Tage hier haben, mein bester Schatz, um so nach Herzenlusts mich mit Dir auszuplaudern. Du würdest Dich gewiß darüber freuen, daß Dein Erni so frisch und guten Muts ist und statt kleinmütiger Verzagtheit voll Tatenlust und Hoffnung in die glückliche Zukunft schaut. Wer sollte aber auch in diesem Kunstparadies sich nicht um viele Prozent besser, glücklicher, menschlicher fühlen, als in der nüchternen Prosa der gewöhnlichen Welt!? Könnte ich Dir nur ein getreues Bild von dem ungewöhnlichen Eindruck wiedergeben, den hier die großartigen Ruinen einer mächtigsten historischen Vergangenheit, die wunderschönen Produkte bildender Marmorkunst wie des farbigen Pinsels und die liebe Natur mit allen Reizen ihrer südlichen Sonne im Verein hervorbringen. Noch weiß ich nicht, welchem von diesen herrlichen Elementen ich den Vorzug geben soll, da jedes in der Zeit, wo ich es genieße, mich so fesselt, daß ich es allen andern vorziehe. Am einzigsten in seiner Art, wie man es eben sonst nirgendwo findet, sind jedenfalls die Ruinen aus der Kaiserzeit, deren Zentrum auf dem Palatinischen und Kapitolischen Hügel sich befindet, wo das Brief, die drei großen Triumphbogen (des Titus, Konstantin, Septimius), die Säulen, Bogen und Ruinen vieler großartiger Tempel, wie der gigantischen Kaiserpaläste, vor allem aber das Kolosseum, die herrlichste, größte Theaterruine der Welt, auf engem Raum beisammen sind.

Gestern abend, wo wir von einem Maler Meyer zu einem sehr vergnügten Künstlersouper geladen waren, und sehr vergnügt um 11 Uhr bei Halbmondschein nach Haus gingen, fiel es mir ein, diese wundervolle Ruinenstadt auch einmal bei Mondschein zu sehen. Mit einiger Schwierigkeit überredete ich unsere Damen, mir zu folgen; sie konnten mir aber nachher nicht dankbar genug sein. Es war in der Tat das zauberischste Mondscheinbild, was man sich denken kann: diese gigantischen Trümmer in der bleichen, ungewissen Beleuchtung mit den scharfen, langen Schlagschatten, im Kolosseum die mächtigen runden Bogenfenster, die sich scharf gegen den dunkeln Nachthimmel abhoben, vom Kapitol der Blick über die Kuppeln der Kirchenstadt; dazu die geheimnisvolle Totenstille der Riesenstadt, nur durch das flüsternde Plätschern der zahlreichen Brunnen und den unheimlichen Schrei der vielen, in den Ruinen wohnenden Eulen und Käuze unterbrochen. Es fesselte uns so mächtig, daß wir erst um 1 Uhr nach Hause kamen. Ich hätte wirklich schwärmen und dichten können, wenn mir nicht eben das Beste dazu gefehlt hätte, meine bessere Hälfte, der ich die schönsten Grüße durch den lieben, lieben Mond zuschickte . . .

Nächst den Ruinen, oder noch mehr als diese interessieren und beschäftigen mich die antiken Marmorskulpturen, welche man nirgends sonstwo in solcher Anzahl und Vollendung beisammensieht. Der Hauptstapelplatz für diese wunderherrlichen Schätze, an denen ich meine Augen gar nicht satt sehen kann, ist der Vatikan, nächstdem das Kapitol, aber auch in einzelnen Palästen, Villen usw. finden sich sehr schöne Statuen und Büsten, so namentlich in den schönen Villen Albani, Borghese, Doria Pamphili, sämtlich außerhalb der Stadt, mit reizenden, großartigen Gartenanlagen und wundervollen Aussichten, namentlich die letztere, dabei äußerst reizend für Sommerwohnung eingerichtet.

Während mich diese antiken weißen Marmorgötter und Helden, Amazonen und Nymphen, Kaiser und Konsuln, Apollo und Venus in ihren verschiedensten Formen immer in einen Himmel von Kunstgenuß versetzen, so läßt mich dagegen die mittelalterliche Malerei sehr kalt, größtenteils wohl schon wegen ihres Stoffes. Die Heiligengeschichten widern mich nun einmal an, und die Madonnen werden mir in ihren ewigen Wiederholungen auch recht herzlich langweilig. Viel mehr als diese berühmten klassischen Malereien des Mittelalters mit ihrem christlich-katholischen Sagenkreis und Popanz interessieren mich die schönen Werke der modernen Landschafts- und Genremalerei, welche man in den Ateliers der zahlreichen, hier lebenden Künstler aufgespeichert findet. Man kann diese Leute ganz ungeniert besuchen, und sie finden sich durch den Besuch der "Forestieri", die ihren Ruhm verbreiten, noch hoch geehrt. Über die einzelnen derselben, wie auch über einige Einzelheiten der andern Kunstschätze werde ich Dir in dem nächsten Briefe noch einiges mitteilen und will heut nur noch ein paar Worte über den herrlichen Anblick der Stadt im ganzen hinzufügen, den man von sehr vielen Punkten aus ausgedehnt genießt, und immer wieder in charakteristisch neuer, schöner Weise.

Die schönsten Ansichten sind im allgemeinen von den Höhen jenseits des Tiber (in Trastevere) auf dem Janiculum und Monte Mario. Da hat man zu Füßen die riesige Stadt mit ihren Kuppeln und Türmen, Palästen und Schlössern, sehr malerisch auf den 7 Hügeln verteilt und mit zahlreichen kleinen Privathäusern umgeben, die sehr winklig und eng und durcheinander gebaut sind. Von dem Tiber mit seinen 4 Brücken, der die Stadt in einer S-förmigen Krümmung durchschneidet, sieht man meist nur wenig. Zur Linken ragt die mächtige Peterskuppel heraus, weter hin die Villa Mellini hoch auf dem äußersten Vorsprung des Monte Mario. Rings ist die Stadt bekränzt und umgeben von den ausgedehnten Gärten der zahlreichen Villen, namentlich im Norden und Nordosten, dagegen im Osten, Südosten und Süden die Ruinen sich ausdehnen, weithin sichtbar das Kolosseum mit den Fundamenten der Kaiserpaläste und das Kapitol. Dann die langen, langen Wasserleitungen, welche die Ebene der Campagna quer durchschneidend, bis zum Gebirge führen, das in malerischen Formen, zum Teil noch jetzt mit Schnee bedeckt, den ganzen östlichen Horizont bekränzt. Formen und Farben, besonders die roten und violetten Tinten bei Sonnenuntergang, sind in beiden Ketten, sowohl im Latiner (Albaner) wie im Sabinergebirg (Tivoli), ganz reizend und stimmen prächtig zu der übrigen Landschaft, der sie den schönsten Abschluß geben. Die Campagna selbst ist vollkommen öde, eine wahre Wüste, in der, selbst unmittelbar um die Stadt, meilenweit kein Baum, kein Haus zu sehen ist. Auch die Flora ist jetzt da noch sehr zurück, da es zu trocken ist. Dagegen sind die feuchteren Grasplätze der Villen mit den schönsten Anemonen, Krokus und Narzissen bedeckt. Im Gebirg hoffe ich es schon grün zu finden. -


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Diese Seite wurde erstellt am 21. Juni 1999.